Unterliegen Paralympic-Sportler auch Dopingkontrollen?

Selbstverständlich, wenn sie Weltklasse sind, werden sie nach denselben Kriterien eingestuft. Wir haben auch speziell für Paralympics ausgebildete Kontrolleure. Menschen, die von Haus aus Medikamente einnehmen müssen - das gilt auch für nicht behinderte Sportler -, müssen einen Antrag auf eine medizinische Ausnahmegenehmigung stellen, und wenn dieser plausibel ist, wird er genehmigt.

Wie ist der Fall des deutschen Skifahrers Stefan Luitz, der beim Riesentorlauf in Beaver Creek im Dezember 2018 disqualifiziert wurde, nachdem er zwischen beiden Durchgängen eine Sauerstoffinhalation vorgenommen hat, vom Standpunkt der NADA aus zu sehen?

Das ist ein sehr interessanter Fall für uns, weil Sauerstoffinhalationen in der Verbotsliste der WADA explizit ausgenommen sind, das ist also ein zusätzliches Verbot in den Anti-Doping-Regularien der FIS (dem internationalen Skiverband, Anm.). Hätte die FIS dieses Verbot irgendwo anders in ihren Bestimmungen festgehalten, wäre es kein Anti-Doping-Thema, aber da diese Maßnahme von der FIS als Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen eingestuft wurde, drohen dem Sportler mehrjährige Sperren. Insofern ist es ein hohes Risiko, diesen Fall vor das internationale Sportschiedsgericht zu bringen. Es ist jedenfalls problematisch, wenn jeder Verband zusätzlich individuelle Doping-Regeln schafft, genau das wollte man mit dem Welt-Anti-Doping-Code verhindern.

Es wird immer wieder darüber diskutiert, Doping überhaupt freizugeben. Was halten Sie davon?

Aus meiner Sicht, und wenn man es sich logisch durchdenkt, ist das unmöglich. Abgesehen davon, dass wir alle Ideale eines fairen und sauberen Sports verrieten, ist es als Gesellschaft nicht akzeptabel, dass Kinder und Jugendliche irgendwelche Substanzen zu sich nehmen sollen, damit sie schneller und kräftiger werden. Denn man würde bei einer Dopingfreigabe wahrscheinlich eine Altersgrenze einziehen. Damit hätten wir gar nichts erreicht, denn die, die heute betrügen, würden dann versuchen, bereits im frühen Alter zu dopen, um einen gewissen Vorsprung zu haben. Das betrifft Kinder und Jugendliche - und kommt überhaupt nicht in Frage. Und welche verantwortungsvollen Eltern würden ihre Kinder dann noch zum Sport schicken? Ich glaube auch, dass es durch Doping zu einer Reihe von Todesfällen käme, vielleicht nicht bei uns in Europa, denn hier hängt keine Existenz an einer Goldmedaille, aber es gibt Regionen, in denen Menschen alles dafür tun würden, um ihre Situation zu verbessern.

Doping ist kein Phänomen der Gegenwart - schon die Olympioniken der Antike nahmen zur Leitungssteigerung etwa Kräutertees und Hormone in Form von Stierhoden zu sich

Mag sein, aber ich habe ein Pro-blem damit, Doping immer nur mit Sport in Verbindung zu bringen. Aktuell kommt es doch in allen Lebensbereichen zu Optimierungsbestrebungen, und es gibt überall Menschen, die versuchen, einen kurzen Weg zum Erfolg zu finden. Das ist im Sport nicht anders, aber Doping ist keine Eigenheit des Sports, das möchte ich noch einmal betonen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Anti-Dopingarbeit?

Ich glaube, dass der Sport gut beraten ist, auch die Kontrollen internationaler Veranstaltungen auszulagern. Der Sport selbst ist heute ein Milliardenunternehmen, daher sollte die Testhoheit nicht bei den Sportverbänden oder Sportorganisationen wie dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) liegen, weil das zu massiven Interessenskonflikten führt. Die WADA ist eine gute Idee, aber so wie es im Sport in den letzten 20 Jahren Weiterentwicklungen gegeben hat, muss das auch für die Welt-Anti-Doping-Agentur gelten. Wir brauchen vor allem klare Richtlinien und transparente Entscheidungsprozesse. Ich glaube auch, dass es Aufgabe des Staates ist, eine na-tionale Anti-Doping-Agentur zu haben, schließlich geht es hier nicht nur um Spitzensport, sondern auch um die Prävention im Breitensport. Aber nehmen Sie einmal die besten Fußballer der Welt, die verdienen viel Geld, ebenso ihre Vereine, die Liga, die UEFA, und der saubere und kon-trollierte Sport hat auch einen Anteil an ihrem Image. Ein kleiner Promilleanteil an den umgesetzten Summen bei Großveranstaltungen wäre ausreichend, um flächendeckend ein faires System zu implementieren. Die meisten österreichischen Sportler ärgern sich übrigens nicht über die Kontrollen, sondern über die Ungleichheit, weil sie alle zwei oder vier Jahre gegen jemanden antreten, der möglicherweise gar nicht überprüft wurde.