"Wiener Zeitung": Frau Pluhar, ich war überrascht, dass Sie sich die junge Schauspielerin Anna Dangel als Gesprächspartnerin gewünscht haben.

Erika Pluhar: Vorweg muss ich sagen, dass ganz enge seelenverwandte Freundinnen schon gegangen sind. Wenn man alt wird, verliert man Menschen, die einem sehr viel bedeutet haben. Das ist eigentlich ein sehr trauriger Aspekt des Älterwerdens.

Wie kam es nun zu dieser besonderen Freundschaft mit Anna Dangel?

Pluhar: Ziemlich bald nach dem Tod meiner Tochter Anna machte ich eine Lesung. Danach habe ich Bücher signiert und ein kleines, 16-jähriges Mäderl kommt zu mir, hält mir ein Buch hin und sagt: Bitte für die Anna! Das war irgendwie so bewegend für mich. Es war das erste Mal nach Annas Tod, dass der Name Anna von einem so ganz jungen Menschen genannt wurde. Das war der Einstand.

Wie lange ist das nun her?

Anna Dangel: 14 Jahre.

Sie sind 1988 geboren und waren somit elf Jahre alt, als Frau Pluhar ihre Schauspielkarriere beendet hat. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass Sie Erika Pluhar je am Burgtheater live erlebt haben.

Dangel: Ich wusste zu dem Zeitpunkt im Grunde überhaupt nichts über die Erika. Dass ich bei dieser Lesung war, kam so zustande: In der Bibliothek meines Onkels fiel mir André Hellers Fotoband "Bilderleben" in die Hände. Mein Onkel und seine Lebensgefährtin sind große Heller-Fans. Und in diesem Buch war auch ein Foto von Erika drinnen und ich dachte mir: cool! Dann schenkte mir mein Papa das Buch "Reich der Verluste", das damals gerade von ihr erschienen war, und ich wurde dann auch zu einer Lesung von ihr in der Galerie Westlicht eingeladen. Mein erster Gedanke war, naja gut, eine Lesung . . .

Pluhar: . . . ist vielleicht furchtbar fad . . .

Dangel: Aber dann hat es mir gut gefallen und ich habe mir gedacht, ich möchte mit ihr reden, möchte sie kennenlernen und habe mir eben das Buch signieren lassen. Ein paar Tage später habe ihr dann einen Brief geschrieben, dass ich das Buch und die Lesung super fand. Ich habe vom ersten Moment an das Gefühl gehabt, dass ich mit ihr in Kontakt bleiben möchte.

Und Sie haben auf diesen Brief reagiert . . .

Pluhar: Scheinbar! Ich weiß jetzt gar nicht mehr so genau, wie das Schritt für Schritt gegangen ist. Jedenfalls hat Anna dann auch Konzerte besucht, hat meine Lieder kennengelernt. Irgendwie hat es uns zueinander geschwappt.

Abgesehen vom selben Vornamen - hat Anna Dangel Sie in irgendeiner Weise an Ihre Tochter erinnert?

Pluhar: Sie war mir halt sofort als junger Mensch unglaublich sympathisch, weil sie interessiert war, neugierig war. Wir sind uns auch ein bissl ähnlich, so etwas spürt man gleich.

Anna Dangel: "Ich habe wenige Menschen kennengelernt, mit denen ich so ehrlich reden konnte – und die auch mit mir so ehrlich waren. Erika ist der einzige Mensch, der jedes Stück mit mir gesehen hat." - © Robert Wimmer
Anna Dangel: "Ich habe wenige Menschen kennengelernt, mit denen ich so ehrlich reden konnte – und die auch mit mir so ehrlich waren. Erika ist der einzige Mensch, der jedes Stück mit mir gesehen hat." - © Robert Wimmer

Hatte Ihr Wunsch, Schauspielerin zu werden, ebenfalls etwas mit der Begegnung mit Frau Pluhar zu tun?

Dangel: Nein, überhaupt nicht. Das mit der Schauspielerei habe ich für mich entschieden. Mit 16 war mir klar, das mach ich jetzt!

Gibt es da Parallelen zu Ihnen?

Pluhar: Ich bin mit 18, nach der Matura, ans Reinhardt-Seminar gegangen und war nach zwei Jahren bereits vorversetzt Elevin am Burgtheater. Aber ähnlich wie die Anna hatte ich vor der Aufnahmeprüfung einen festen anderen Plan, falls ich nicht durchkommen sollte. Dann hätte ich an der Uni für Bodenkultur zu studieren begonnen. Ich hatte da eine etwas theatralische Vorstellung, sah mich auf einem Gutshof über Felder reiten, hatte fest im Sinn, etwas mit Landwirtschaft und Tieren zu machen, bin dann aber bei der Aufnahmeprüfung gleich durchgekommen.

Wie sah Ihr Plan B aus, falls es mit dem Prayner Konservatorium nicht geklappt hätte?

Dangel: Dann wäre ich vermutlich Kindergärtnerin geworden. Ich mag Kinder sehr gern, habe gerne soziale Kontakte.

Pluhar: Ich glaube, diese gewisse Absichtslosigkeit ist auch etwas, die uns von Anfang an verbunden hat. Für sie war ich kein toller Irgendwer, sie hat bei mir nie das Gefühl gehabt, sie trifft da eine berühmte Person.

Dangel: Ganz am Anfang wusste ich ja wirklich überhaupt nichts über die Erika. Ich dachte, sie hat überhaupt nur dieses eine Buch, "Reich der Verluste", geschrieben. Gleichzeitig hatte ich bei ihr immer das Gefühl, als könnte ich ihr alles erzählen, ich fühlte mich einfach verstanden. In dieser spätpubertären Zeit war Erika ganz wichtig für mich - und überhaupt für meine ganze weitere Entwicklung.

So etwas wie eine Art Hierarchie hat es zwischen Ihnen also nie gegeben?

Pluhar: Nein, das war von Anbeginn eine rein menschliche Beziehung, man kann wirklich sagen, eine Seelenverwandtschaft.

Dangel: Und vor allem eine sehr ehrliche! Ich habe wenige Menschen kennengelernt, mit denen ich gleich so ehrlich reden konnte - und die auch mit mir so ehrlich waren. Es gibt auch keine Scheu vor Kritik. Erika ist der einzige Mensch, der jedes Stück gesehen hat, in dem ich mitgespielt habe.

Pluhar: Und da hat sie mein Feedback voll bekommen.

Was sind Ihrer Einschätzung nach Annas Stärken als Schauspielerin?

Pluhar: Sie ist auf der Bühne ganz sie selbst, ich habe sie immer als wahrhaft und gut empfunden. Ich musste mich nie bemühen, diskret zu sagen, das war nix - nein!

Wie schwierig ist es heute als freie Schauspielerin?

Dangel: Es ist nicht ganz leicht, man muss schauen, dass man am Ball bleibt.

Pluhar: Ich würde sagen, dass es im Vergleich zu meiner Zeit, als ich jung war, generell viel schwerer geworden ist, diesen Beruf zu ergreifen. Jetzt laufen selbst renommierte Schauspieler von einem Casting zum anderen. Ich habe Luxuszeiten erlebt, musste nie zu einem Casting, man hat gespielt und die Angebote ergaben sich. Das ist heute doch ziemlich anders.

Dangel: Es ist schwierig, dass man bei den großen Bühnen in ein fixes Ensemble reinrutscht. Vor allem muss man immer top informiert sein, wo gerade die wichtigen Castings stattfinden.

Pluhar: Man muss sich so anbieten, das stell ich mir schwer vor.

Dangel: Aber es macht trotzdem Spaß und ist auch nicht zermürbend, sonst würde ich das nicht machen.

Pluhar: Wenn ich jetzt jung wäre, würde ich mich nicht mehr aufs Theater konzentrieren, sondern ganz ins Filmen stürzen.

Warum?

Pluhar: Weil ich zurzeit Film viel mehr liebe. Immer wieder erlebe ich Filme, die mich tief aufwühlen, wo ich ganz dabei bin. Das Theater hat mich in letzter Zeit, wenn ich dort war, zu wenig berührt.

Gibt es nach Ihrem Filmprojekt "Laguna", in dem auch Anna Dangel mitgewirkt hat, neue Filmpläne?

Erika Pluhar: "Heute laufen selbst renommierte Schauspieler von einem Casting zum anderen. Ich habe Luxuszeiten erlebt, musste nie zu einem Casting, man hat gespielt und die Angebote ergaben sich. Das ist heute ziemlich anders." - © Robert Wimmer
Erika Pluhar: "Heute laufen selbst renommierte Schauspieler von einem Casting zum anderen. Ich habe Luxuszeiten erlebt, musste nie zu einem Casting, man hat gespielt und die Angebote ergaben sich. Das ist heute ziemlich anders." - © Robert Wimmer

Pluhar: Wenn man einen wirklich guten Film machen möchte, braucht man eine Menge Geld. Würde ich jetzt einen Film planen, weiß ich genau, dass es drei bis fünf Jahre dauern würde, bis die Finanzierung steht. Erstens möchte ich meine letzten Lebensjahre nicht damit verbringen, um Geld zu rennen, und zweitens kann ich mit 80 nicht sagen, ich mache mit 85 einen Film. Who knows?

Was würden Sie Anna Dangel für ihre weitere Schauspiellaufbahn wünschen?

Pluhar: Ich weiß nicht, was ich Anna wünschen soll. Ich bin kein großer Liebhaber der derzeitigen Theaterlandschaft. Ich bin mit 60 weg vom Theater - und genau zum richtigen Zeitpunkt. Das Theater ist immer Spiegel seiner Zeit. In meiner besten Zeit durfte ich mit Regisseuren arbeiten, wo es ganz ums Inhaltliche ging, wo ich mir oft dachte, was für ein schöner Beruf, wenn wir bei einer Probe ganz ruhig überlegen konnten, wie wir eine bestimmte Empfindung, die vonseiten des Textes vorgegeben war, nun umsetzen. Diese heute oft sehr grelle videoclip-artig laute Theaterlandschaft habe ich nicht so gern. Ich würde mir wünschen, dass Anna in ein Zentrum kommt, wo Theater auf größeren Bühnen passiert - obwohl das nicht unbedingt viel besser sein muss.

Ich Ihrem jüngsten Buch, "Anna - Eine Kindheit", schreiben Sie in sehr selbstkritischer Weise über die doch sehr ungewöhnliche Kindheit Ihrer Tochter. Als Leser bekommt man den Eindruck, dass Sie Anna von Anbeginn eher wie eine kleine Erwachsene, fast mehr wie eine Freundin als ein Kind behandelt haben.

Pluhar: Anna war auch meine beste Freundin - und später auch meine beste Kritikerin. Sie hatte schon als Kind ein unglaubliches Verständnis für alles - auch für Dinge, die sie in Wahrheit wohl überfordert haben. Deswegen habe ich höchstwahrscheinlich auch dieses Mütterliche verabsäumt, ihr genügend Nähe zu geben. Ich war durch diesen Beruf so oft abwesend. Ein Kind braucht einfach das Knuddeln - und diese Anna hier ist eine Knuddlerin!

Christine Dobretsberger (l.) im Gespräch mit Anna Dangel und Erika Pluhar. - © Robert Wimmer
Christine Dobretsberger (l.) im Gespräch mit Anna Dangel und Erika Pluhar. - © Robert Wimmer

Dangel: Ich kann das!

Pluhar: Ich sitz steif da und sie knuddelt mich! Ich muss dazu sagen, dass ich diese Dinge von meinem Elternhaus her nicht kannte. Damals war ja Krieg und meine Mutter musste einfach schauen, dass wir genug zum Essen kriegen, da hatte sie keine Zeit zum Knuddeln - und das prägt einen selbst natürlich auch.

Wie war Ihr Leseeindruck von Frau Pluhars jüngstem Buch?

Dangel: Mir hat die Anna eigentlich unheimlich leidgetan. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, eigentlich möchte ich sie einfach nur gerne in den Arm nehmen und drücken. Ich finde gut, dass die Erika sich da selbst überhaupt nicht in Schutz genommen hat.

Pluhar: Es war ja auch eine Selbstanalyse.

Dangel: Dass die Erwachsenen in dem Buch schlecht wegkommen, finde ich durchaus legitim. Ich glaube, das ist der mutigste Liebesbeweis, den Erika der Anna machen konnte.

Pluhar: Nicht umsonst hat ja jeder in diesem Buch seinen Namen. Dem Heller habe ich vorher gesagt, Franzi, du kommst nicht sehr gut vor.

Wie hat Heller darauf reagiert?

Pluhar: Er hat gesagt: Na, war eh so. Den Peter Vogel konnte ich das ja nicht mehr wissen lassen, aber mit ihm hatte Anna ja wirklich die einzige gute familiäre Zeit - wenngleich auch nur sehr kurz. Als sie später den ganz in die Sucht gefallenen Peter erleben musste, war das unendlich traurig. Meine Freundin und Lektorin Isabella Suppanz meint, es ist auch ein Buch über Alkoholismus.

Man möchte es ja nicht für möglich halten, aber zwischen Ihnen beiden liegen 50 Jahre . . .

Pluhar: Eine alte, eine junge Seele, wobei die alte ja genauso jung sein kann, und die junge Seele auch sehr alt sein kann, das darf man nicht vergessen.

Dangel: Ich sage immer, ich bin eine alte Seele, manchmal fühle ich mich wie 100.

Pluhar: Ich merke vermehrt, dass ich bei jungen Frauen relativ schnell das Gefühl habe, als wären sie meine Töchter. Auch beruflich erlebe ich gerade einige Frauen, die ein ähnlicher Jahrgang sind wie meine Tochter und jetzt gerade voll in ihrer Wirksamkeit, wie zum Beispiel meine Verlegerin. Anna ist schon wieder eine Generation darunter. Ich weiß nicht, bist du eine Tochter oder eine Enkelin? Ich kann es nicht unterscheiden.

Dangel: Ein Mischmasch.

Pluhar: Es freut mich auch mitzuerleben, wenn junge Menschen etwas schaffen. Was ich dabei nicht so beachte, ist das Wort Karriere. Ich nenne es bei mir ja auch "mein Tun". Mich freut, wenn junge Menschen etwas verwirklichen, etwas tun wollen, aber ich bin sicher kein Motor für: mach Karriere! Ich finde diese Karrieresucht, die unsere Gesellschaft beherrscht, grauenvoll.

Dangel: Aber du motivierst ungemein, gibst immer kleine Inputs. Für mich ist das total wichtig! Es ist ein großes Glück, dass wir zur selben Zeit am selben Planeten und in derselben Stadt wohnen.

Ihr vorletzter Roman, "Gegenüber", handelt von der Begegnung zwischen einer 80-jährigen Frau und ihrer viel jüngeren Nachbarin Linda. Könnte es sein, dass Ihre Freundschaft mit Anna Dangel hier ein bisschen Inspiration zu diesem Roman war?

Pluhar: Nicht direkt. Ich hatte einfach eine junge Frau vor Augen - und das Erstaunliche beim Schreiben dieses Buches war ja, dass ich selbst verdutzt war, welche Dynamik diese Figur der Linda entwickelt hat.

Vor kurzen ist das Hörbuch zum Roman "Gegenüber" erschienen, das Sie beide gemeinsam aufgenommen haben. Wie klappte die Zusammenarbeit?

Dangel: Die war total lustig! Erikas Küche war sozusagen das Tonstudio. Ich bin sehr dankbar und froh über diese Erfahrung. "Gegenüber" ist eine wunderschöne Geschichte über eine starke und außergewöhnliche Freundschaft.

Frau Pluhar, am 28. Februar ist Ihr 80. Geburtstag. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dieser Tatsache entgegen?

Pluhar: Dieses Naherücken der Endlichkeit ist schon ein Thema. Letztens lief im Fernsehen eine Reportage: "Die Welt von oben". Unglaublich, was wir schon kaputt gemacht haben auf unserem Planeten! Wenn ich so etwas sehe, sage ich mir zwar, solange ich lebe, werde ich schon noch diese Welt und diese Gesellschaft in der jetzigen Form erfahren, aber seltsamerweise schenkt mir das keine Beruhigung. Mich interessiert die Menschheit, die Welt, ich steh’ drauf, auch wenn ich weg bin.

Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Sie viele junge Menschen um sich haben - natürlich auch Ihren Enkelsohn Ignaz.

Pluhar: Natürlich! Schon meine Tochter Anna hat gemeint, die Familien sind jetzt anderer Art. Sie hat ja im Nebenhaus mit ihrem Adoptivsohn Ignaz gewohnt. Da war immer ein großes familiäres Umfeld von jungen Leuten. Das haben wir beide sehr geschätzt. Wenn damals wer gesagt hat, na, aber ein wirkliches Enkerl . . ., dann bin ich immer wütend geworden. Ich könnte einen blutsverwandten Enkelsohn nicht mehr lieben als ihn. Ich habe ein anderes Familienempfinden, das eben nicht nur der eigentlichen Familie gilt.