Direktor Stanzel als skifahrender Lehrer. - © Privat
Direktor Stanzel als skifahrender Lehrer. - © Privat

Nach der Matura hätte er dann gerne studiert, aber der Vater konnte das Studium nur für seinen Bruder bezahlen. Also begann er bei der Donau-Versicherung zu arbeiten, und wäre er dort geblieben, dann hätte er zum Pensionsantritt alle Lehrer ausgelacht, weil er so gut verdiente. Aber die Arbeit war stupide: Er musste im Keller Akten ordnen! Ein Freund, der selbst bei der Raika und auch unglücklich war, begann die Lehrerausbildung, und er ging mit ihm.

1949 war er fertig, und weil Lehrermangel herrschte, konnte er sich den Ort seines zukünftigen Berufslebens aussuchen. Er wählte Windischgarsten, schön gelegen inmitten der Berge und letzter Zufluchtsort des Gauleiters. "Es gab nur Arbeiten, Weiterkommen, nichts zu essen. Aufatmen? Nein, ein Aufatmen nach dem Krieg war keines spürbar."

In der Garderobe, die wir nun mit einem Zentralschlüssel durch den Volksschuleingang betreten, hängen die Patschensäcke der Kinder an den Haken - wie 1972, als ich hier meinen ersten Schultag absolvierte. Ich gehörte zum ersten Jahrgang, der mit einem Schulbus hierhergebracht wurde, bis dahin mussten die Kinder aus den Umlandgemeinden oft kilometerlang zu Fuß gehen. Safes gab es in der Garderobe damals noch keine, aber der Geruch? Wie damals! Kinder ändern sich halt nicht, und Fußpflege gehörte noch nie zu ihren bevorzugten Hobbys.

Wir betreten die Aula mit der bunten Mosaiksäule in der Mitte, auch hier ist alles wie damals. "Da habe ich geschaut", sagt der Herr Direktor, während er die Säule umkreist, "dass wir einen richtigen Künstler kriegen aus Rottenmann drüben, damit ein wenig Farbe hereinkommt. Der war handwerklich sehr gut!"

Uns Kindern war das egal, wir spielten darum herum Fangen. Im hinteren Teil, wo wir am alten Konferenz- und Lehrerzimmer vorbeigehen, putzt ein Iraner die Schule, der Herr Direktor nennt ihn "Perser". Als ich hier zur Schule ging, hatte noch kein Kind je einen "Ausländer" gesehen. Im ersten Stock verkaufte die "Frau Brindl" in der großen Pause aus einer großen Schachtel heraus ihr Jausengebäck (Bierweckerl! Salzstangerl!) und verteilte Milch und Kaukau. Ja, an die Pockenimpfung erinnere ich mich auch wieder, und Fluortabletten wurden ausgeteilt, wegen der Zähne!

"Plutzer" gab es immer

Aber weder Kaukau noch Milch noch Fluortabletten oder Impfung bereiteten mich auf die Beine meiner ersten Frau Lehrerin vor: Mein Kopf in der ersten Reihe war in Höhe ihrer Körpermitte, ich starrte auf ihre Beine, die durchsichtigen Strümpfe konnten ihre starke Behaarung dort kaum bändigen. Was macht so ein Anblick mit einem Sechsjährigen? Sollte ich doch noch einmal eine Therapie beginnen, dann werde ich das Thema wohl ansprechen müssen.

Gemeinsam betreten wir meine alte Klasse. Fotos von Bundespräsident und Landeshauptmann, wie sie früher in jeder Klasse hängen mussten, gibt es hier keine mehr, nur noch im Speisesaal. "Die Klassenpulte waren früher viel schmäler und sind bis da an die Wand gestanden", erzählt der Herr Direktor, und tatsächlich erinnere ich mich wieder, wie eng es in der letzten Reihe war mit uns 35 Kindern. Und als ich aufstehen musste zur Gesangsprüfung, war es nicht nur in der Klasse eng, sondern auch in meinem Brustkorb. Da fällt mir auch mein missglückter Auftritt beim Krippenspiel wieder ein: Das Behältnis, in dem ich als Heiliger König wohl Myrrhe aus dem Morgenland transportierte, fiel mir aus der Hand. Später lief mir auch noch "die Sandra" aufs Bubenklo nach, warf mich zu Boden und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Auch das wird Thema bei der Therapie sein müssen.