Dietmar Grieser im Gespräch mit Christine Dobretsberger. - © Robert Wimmer
Dietmar Grieser im Gespräch mit Christine Dobretsberger. - © Robert Wimmer

Im Kapitel "Mutterliebe" Ihres jüngsten Buches schreiben Sie nicht nur über das Verhältnis von Beethoven oder Erich Kästner zu deren Müttern, sondern auch über Ihre Beziehung zu Ihrer Mutter. Das Foto mit dem kleinen Jungen am Schoß seiner Mutter - sind Sie das?

Nein, das ist mein ältester Bruder. Von mir gibt es aus dieser Zeit, also aus den Jahren vor 1945, nur ein einziges Foto, das meine Mutter bei der Flucht noch schnell in die Tasche packen konnte. Wir mussten innerhalb von Stunden aufbrechen.

Haben Sie eine Erinnerung an diesen Tag, als Sie Ihr Zuhause fluchtartig verlassen mussten?

Ja, das war im März 1945, vor allem habe ich eine starke Erinnerung an meine Großmutter. Sie hat im selben Haus wie wir gelebt. Meine Eltern und Geschwister wohnten im zweiten Stock, ich bei der Großmutter im Parterre.

Weshalb?

Weil mein Großvater gerade gestorben war und sie glücklich war, einen kleinen Kumpan zu haben. Meine Mutter war auch froh, ein Esser weniger. Natürlich war der Kontakt zu meinen Eltern und Brüdern gegeben, aber gewohnt und aufgezogen hat mich meine Großmutter. Am Tag dieser Flucht ist sie im Haus zurückgeblieben.

Weshalb hat sie sich nicht der Familie angeschlossen?

Wie viele alte Menschen damals sagte sie, nein, wir bleiben, der Krieg geht sicher schnell vorbei. Sie hat nicht ahnen können, dass sie im Herbst des Jahres 1945 doch aus Oberschlesien wegmusste. Auf diesem Vertriebenentransport ist sie dann verhungert. Man fand sie auf einem Acker in Sachsen, wo der Transport zwischendurch Halt gemacht hatte. Dort ist sie auch von den Leuten im Dorf in einem Grab, in dem mehrere Tote bestattet wurden, beigesetzt worden.

Wo war Ihre Familie zu der Zeit?

Wir hatten in Oberbayern Unterschlupf gefunden. Damals gab es natürlich keine Verbindung, alles war gekappt. Wir hatten dann Mühe, den verschollenen Vater wiederzufinden. Mein ältester Bruder hat sich auf eigene Faust nach ihm auf die Suche begeben. Die Familie ist dann eigentlich durch Zufall wieder zusammengekommen. In dieser ersten Zeit in Bayern waren wir gar nicht willkommen. Die Leute hatten das ja bisher noch nie erlebt, dass Flüchtlinge zu Ihnen kommen, die dann einquartiert und versorgt werden wollen.

Sind diese Erinnerungen auch eng an Hunger geknüpft?

Ja, aber das war in Österreich auch nicht anders, was man hört. Ich musste immer eine halbe Stunde Fußweg zum Bäcker gehen, das Brot holen, das uns zugestanden ist. Es war allerdings nicht sicher, dass wir eines kriegen. Und dann habe ich am Heimweg dieses noch warme Brot angeknabbert - an Stellen, wo man es nicht gleich merkt. Zu Hause wurde das nicht angesprochen, aber ich hatte ein unsagbar schlechtes Gewissen. Eines Tages, als wir wirklich nichts mehr zu essen hatten, ging mein Bruder hinaus in den Schuppen, nahm eine Sichel und wollte Gras schneiden, in der Meinung man könne auch Gras essen. In dem Moment kam der Nachbarsbauer, der Herr Stoßberger, da weiß ich sogar noch den Namen, und bringt uns die Blätter von Kohlrabi, nicht die Knolle, aber die Blätter. Wir waren überglücklich.