"Wiener Zeitung": Judith Taschler, wir befinden uns in einem Café. Ist das eine Umgebung, in der Sie gut beobachten und schreiben können?

Judith W. Taschler: Gut beobachten ja, schreiben nein! Ich beobachte sehr gerne, einmal hat mich eine Frau in einem Café angeschnauzt: Bin ich ein Bild? Vermutlich habe ich zu oft zu ihr hingesehen. Zum Schreiben aber brauche ich absolute Ruhe und Zurückgezogenheit; es funktioniert nicht, wenn andere Leute im Raum sind.

Ihr Arbeitsraum bzw. Büro ist eine Art "Baumhaus" - neben Ihrem Wohnhaus hoch über den Dächern von Innsbruck. Was zieht Sie zum Schreiben dorthin: Ruhe? Abgeschiedenheit? Überblick? Gemütlichkeit? Natur?

Baumhaus oberhalb von Innsbruck, in dem Judith Taschler von April bis Oktober schreibt. - © Udo Geisler
Baumhaus oberhalb von Innsbruck, in dem Judith Taschler von April bis Oktober schreibt. - © Udo Geisler

Ich muss gestehen, dass ich nur in den Monaten April bis Oktober im Baumhaus arbeite, weil es mir im Winter doch zu kalt ist. Es ist zwar ein Heizstrahler vorhanden, aber er hängt ziemlich weit oben, und bei mir ist es so, dass ich beim Schreiben immer schnell an den Füßen friere. Es ist dann nach einer Weile einfach zu ungemütlich. Ob in der Natur oder in der Nähe einer Stadt ist eigentlich nicht wichtig.

2011 erschien ihr Romandebüt "Sommer wie Winter", 2013 Ihr zweiter Roman "Die Deutschlehrerin"; beide Romane erreichten binnen weniger Monate mehrere Auflagen. Für "Die Deutschlehrerin" erhielten Sie den Friedrich-Glauser-Preis 2014. Hat Sie der Erfolg überrascht und hat er Ihr Schreiben beeinflusst oder verändert?

Ich war erstaunt über den Erfolg. Gerade beim Verfassen des ersten Romans hätte ich mir nicht gedacht, dass ich eines Tages davon leben kann. Ob der Erfolg mein Schreiben verändert hat, kann ich für mich nur mit einem klaren Nein beantworten. Wäre aber interessant zu hören, was einzelne Leser oder auch die Verlage Picus und Droemer dazu sagen . . .

Seit 2012 leben Sie als freischaffende Autorin. Ist damit ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen?

Ja! Schon mit 16, 17 träumte ich davon, eines Tages Schriftstellerin zu sein. Ich habe mich allerdings erst relativ spät getraut, den Traum umzusetzen: Beim Erscheinen meines Debütromans war ich 40. (lacht) Besser spät als nie, oder?

In Ihrer Adoptivfamilie im Mühlviertel gab es nicht nur viele Kinder (sechs Geschwister) und Tiere, sondern auch viele Bücher. Hat das Ihre schriftstellerische Karriere vorgeprägt?

Auf alle Fälle. Ich habe schon in der Volksschule Bücher verschlungen - und nicht nur das, ich mochte es sehr gern, wenn alte Verwandte von früher erzählten. Das Interesse für Geschichten war also immer da - und ist nicht ganz unwichtig in meinem Beruf.