"Wiener Zeitung": Herr Prenzel, waren Sie selbst ein guter Schüler?

Manfred Prenzel: In manchen Fächern war ich sehr gut, in anderen nicht so gut. Ich bin relativ problemlos durch die Schule gekommen, aber ich kann nicht von mir behaupten, dass ich ein Spitzenschüler mit super Noten war. Ich war, ehrlich gesagt, auch nicht besonders ehrgeizig.

Hat sich das später geändert?

Nein. In den Fächern, die mich interessiert haben, habe ich viel mitgenommen. Vielleicht ist das ein gutes Konzept für das ganze Leben - sich von der Frage steuern zu lassen, was einem wirklich wichtig ist. Für eine Schülerin oder einen Schüler ist eben nicht alles gleichermaßen interessant.

Der neuseeländische Lernforscher John Hattie hat in einer berühmten Studie die Leistungen von Millionen von Schülern analysiert - und sagt: Am wichtigsten für den Lernerfolg ist der Lehrer. Sehen Sie das auch so?

Die wichtigste Person in der Schule ist der Lehrer oder die Lehrerin. Aber es kommt darauf an, was sie kann und wie sie sich verhält.

Gibt es den geborenen Lehrer, die geborene Lehrerin?

Nein. Unterrichten ist etwas, das man lernen kann - und muss. Da ist einmal das Fachliche, mit dem man nicht geboren wird. Und dann muss man zum Beispiel lernen, wie man junge Menschen unterstützt, die mit Themen konfrontiert sind, die ihnen auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders interessant erscheinen. Wie gehe ich auf den Einzelnen zu, wie auf die Gruppe und was kann ich tun, damit die Kinder auch voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen? Es stimmt, was Hattie sagt: auf die Lehrer kommt es an. Aber eher darum, was sie gelernt haben und wie sie es umsetzen.

Spielt der Charakter keine Rolle?

Doch. Wir erwarten von Lehrerinnen und Lehrern, dass sie ein Berufsethos entwickeln und mit Menschen einfühlsam und aufbauend umgehen können. Aber ich würde nicht sagen, dass es eine Charakterfrage ist. Trotzdem gibt es sicherlich einige Personen, die in der Schule nicht glücklich werden würden. Etwa, wenn jemand sehr aufbrausend ist. Auch ein Perfektionist, der nicht versteht, dass Schüler erst "auf dem Weg" sind, wird in der Schule Probleme haben. Aus Fehlern zu lernen ist sehr wichtig - und ein Lehrer muss Fehler akzeptieren und als Lerngelegenheit sehen.

Wir, die wir Lehrer ausbilden, können den Charakter nicht ändern. Was wir neben fachlichem Wissen vermitteln können, ist ein Verständnis von Fachdidaktik und Lernprozessen. Wie man systematisch Wissen aufbaut, wie man soziale Prozesse unterstützt - dabei ist gegenseitiges Lernen sehr wichtig. Und wie man gerecht handelt, zum Beispiel bei der Beurteilung. Für die Schülerinnen und Schüler ist das oft ganz besonders wichtig.