Seit April 2018 Leiter des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität Wien: Manfred Prenzel. - © Stanislav Kogiku
Seit April 2018 Leiter des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität Wien: Manfred Prenzel. - © Stanislav Kogiku

Ist das wichtiger geworden? Wollen Schüler und teilweise auch Eltern heute mehr mitreden bei der Benotung?

Das war schon immer ein entscheidender Punkt. Aber es geht nicht nur um Noten. Bei Gerechtigkeit geht es zum Beispiel auch darum, die Mädchen genauso häufig zur Sprache kommen zu lassen wie die Burschen. Es geht darum, dass keiner zu kurz kommt. Aber ich würde nicht sagen, dass das ein neues Thema ist. Gerechte Bewertung war immer schon wichtig.

Was haben Sie aus Ihrer Zeit als deutscher Pisa-Leiter mitgenommen?

Vergleichende Studien sind interessant, weil man erfährt, wo man selber steht. Zu sehen, dass andere Länder auf andere Weise an die Sache herangehen, ist schon sehr inspirierend.

Zum Beispiel?

Ein leuchtendes, weil sehr erfolgreiches Beispiel war ja Finnland. Ich fand die finnische Grundhaltung sehr interessant. Dort heißt es, wir brauchen alle Schülerinnen und Schüler und dürfen niemanden verlieren. Der Level ist dort sehr hoch, sei es im Lesen oder in der Mathematik, und vor allem waren nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler auf einem niedrigen Niveau. Das ist in Deutschland und in Österreich ganz anders. Hier gibt es immer noch zu viele Fünfzehnjährige, die auf dem Niveau von Zehnjährigen lesen oder rechnen.

Aber auch die Schulen in Kanada oder in der Schweiz fand ich sehr stimulierend. Wenn man genau hinschaut und prüft, ob die Jugendlichen zum Beispiel die Mathematik wirklich durchdrungen haben, dann ist es erstaunlich, auf welchem Niveau manche Länder sind.

Werden Vergleiche überbewertet?

Nein. Man kann schauen, welche Unterrichtsmethoden sich bewähren. Aber man muss genau hinschauen. Es reicht nicht, zu prüfen, ob die Schüler etwas lernen, sondern es geht auch darum, dass sie ihr Interesse behalten. Die Kombination von Wissen und Interesse ist wichtig.

Sie kommen aus Deutschland. Wurde Pisa in Österreich anders bewertet?

Ich sehe schon Unterschiede, zum Beispiel darin, wie konsequent man Bildungsziele verfolgt und welche Bedeutung man internationalen Vergleichen wie Pisa beimisst. In Deutschland war die Entwicklung nach dem Pisa-Schock konsequent positiv und es gab größere Investitionen und Projekte. In Österreich variiert das ein wenig. Aber die Frage ist, wie wichtig einem diese Themen sind. Vielleicht nimmt es Deutschland ja zu ernst. In Deutschland ging es sehr stark um die Frage, was getan werden muss, um den Anschluss nicht zu verlieren. Aber dort ist die Wirtschaftssituation auch ein bisschen anders als in Österreich: Deutschland ist stark industrialisiert und technisiert. Deshalb wurde auch mehr in die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Anm.) investiert.