Manche befürchten, dass die klassische Bildung verloren geht, wenn sich Schulen nur noch nach den Anforderungen der Wirtschaft ausrichten.

Manfred Prenzel im Gespräch mit Saskia Blatakes. - © Stanislav Kogiku
Manfred Prenzel im Gespräch mit Saskia Blatakes. - © Stanislav Kogiku

Ich sehe da keinen Gegensatz. "Klassische Bildung" ist anregend, aber natürlich sollen die Schülerinnen und Schüler auch berufsfähig werden und sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten können. Ich sehe da die Schule sogar in einer Pflicht. Das fängt ganz banal beim Lesen und Schreiben an, das brauche ich in fast allen Berufen.

Früher musste man in der Schule noch viel auswendig lernen. Heute, in Zeiten zunehmender Roboterisierung, gilt eher Kreativität als gefragt.

Das stupide Auswendiglernen sollte eigentlich beendet werden. Was natürlich nicht heißt, dass man nicht doch bestimmte Dinge einfach wissen muss. Heute geht man davon aus, dass man sich Inhalte besser merken kann, wenn man sie wirklich verstanden hat. Ein anderes Thema ist die Frage, ob man noch Gedichte auswendig lernen muss.

Ist Faktenwissen passé?

Es ist schon noch gefragt, aber nicht mehr so wie früher, denn es geht heute vor allem um das begriffliche Verständnis. Pisa hat ja auch gezeigt, dass die Schüler oft viel lernen, aber große Schwierigkeiten haben, wenn sie es anwenden sollen. Zum Beispiel der Satz von Pythagoras: In der Schule ist der sehr präsent, aber wenn man im Alltag in eine Situation kommt, wo er einem helfen könnte, ist er plötzlich völlig unzugänglich. So entstand der Eindruck, die traditionelle Schule sei in Gefahr, weil sie träges Wissen aufbaue. Sie hämmere alles Mögliche in die Köpfe hinein, aber wenn es darauf ankommt, kann es nicht angewendet werden. Inzwischen ist da an den Schulen schon viel passiert.

Und was wird aus der klassischen Bildung?

Die Schule ist nach wie vor ein Fenster zur Welt und kann dafür sorgen, dass Kinder einen Zugang zur Kultur kriegen - unabhängig davon, in welchem Elternhaus sie aufwachsen. Natürlich heißt das auch, sich mit "alter" Kultur und Geschichte zu befassen. Neuere Literatur kann ich ja auch nur verstehen, wenn ich sie auf ältere Literatur beziehe. Ich bin für breite Bildung, aber sie darf nicht losgelöst davonschweben. Es bringt nichts, wenn ich über alles Mögliche philosophieren kann, aber bei Grün nicht über die Straße komme.

Was hat sich bei den Elternhäusern verändert?

Wir haben eine große Bandbreite: auf der einen Seite des Spektrums die vernachlässigten Kinder, auf der anderen Seite die überbetreuten, öfter in der sozial höhergestellten Ein-Kind-Familie, wo die Eltern alles Mögliche auf ihr Kind projizieren. Ich bin mir gar nicht sicher, was für die Lehrerinnen und Lehrer schwieriger ist.

Bereiten Sie zukünftige Lehrer auf Helikoptereltern vor?