Wer ihn nicht kennt, erkennt ihn nicht. Er kommt zum Konzert, so wie er gerade ist, in Holzfällerhemd, Jeans und Freizeitschuhen. Gottfried David Gfrerer beschäftigt weder Visagisten noch Modedesigner. Kein Ohrgesteck weist auf seine Künstlerschaft hin, kein hautenges schwarzes Leder legt sich als Ausweis der Verwegenheit um seine Beine, und Maskenbildnern macht er keine Arbeit. Er will keinen Look kreieren, sich nicht verkleiden, kein Doppelleben mit einem Image führen: "Man soll sich meine Musik merken, nicht mich."

Im Keller des Restaurants "Fromme Helene" wird es eng für die vielleicht hundert Besucher, die sich dort versammelt haben. Gfrerer fühlt sich sichtlich wohl auf der kleinen Bühne, mag die Clubatmosphäre, den Blickkontakt mit den Zuhörern. Bevor er zu einer seiner drei Resonator-Gitarren greift, reibt er behutsam seine Hände auf den Oberschenkeln.

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Und dann offenbart er den kostbarsten Besitz, den ein Musiker haben kann: seinen Sound, den Gfrerer-Sound. Spätestens jetzt, da der singende Gitarrist seinem Ins-trument sirrende, mitreißende Tonfolgen entlockt, hat er die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums. Auskenner sagen, er sei einer der besten Slide-Gitarristen Europas mit einer ausgeklügelten, polyphonen Fingerstyle-Technik, er gemahne an Legenden wie Ry Cooder oder Mark Knopfler.

Großartige Dynamik

Sein aktuelles, mittlerweile viertes Album trägt den Titel "Polychrome" (Lili Records/Lotus). Es ist die Summe seines Musikerlebens, das mit Kärnterliedern begann und sich über Jahrzehnte zu einem genreübergreifenden Klangkosmos erweiterte, aus dem man beim ersten Hinhören ein archaisches Musik-Nordamerika heraushört: Folk, Blues, Jazz, aber auch die langgezogenen Töne von Hawaii-Musik. Und dazu noch, wie er in seiner ruhigen, freundlichen Art sagt, "die Melancholien des Kärntner- und Wienerlieds".

Gottfried David Gfrerer

Ein Jahr hindurch hat sich der gebürtige Kärntner immer wieder in die Einsamkeit eines unbewirtschafteten Bauernwirtshauses in den Nockbergen zurückgezogen, in Gesellschaft von einem Dutzend Resonatorgitarren aus den 1930er Jahren. Diese Gitarren, im CD-Booklet alle abfotografiert, wurden in einem schillernden Farbschema lackiert, genannt "Polychrome". Daher der Name des Albums.

Resonatorgitarren sind seine Obsession. "Die sind laut, und deswegen spiele ich sie." Doch sie sind nicht nur laut, sie haben auch eine großartige Dynamik. Man kann sie gut hörbar auch sehr leise spielen. Gfrerer mag alles an diesen Gitarren: die Optik, den Klang, die Geschichte. Die kalifornische Firma National hat sie in den 20er Jahren entwickelt. Im Korpus dieser Gitarren stecken bis zu drei hauchdünne Aluminium-Membranen, die den Schall der Saiten aufnehmen und verstärken. Jede Gitarre hat ein eigenes Klangbild, das kann man auf "Polychrome" angeblich hören, wenn man entsprechende Ohren hat.