Wie hat er zu seiner Musik gefunden? "Neben klassischer Musik wie Debussy war es Roots-Musik. Ich bin in der Tradition des Kärntnerliedes aufgewachsen, mit Haus- und Volksmusik. Auch das ist Roots-Musik." Folk-Songs erschienen ihm als logische Fortsetzung der Heimatklänge, als er Bob Dylan im Radio hörte.

Gfrerers Musik und seine Texte klingen, als hätte er mehr Zeit in Memphis, Tennessee, verbracht als in Kärnten. Dabei war er noch nie in den USA. Er hat aber die Musik aus der Ferne mit der ihm eigenen, entspannten Akribie studiert. Die afroamerikanischen Gitarristen der 30er Jahre faszinierten ihn. US-Bluesmusiker wie Son House und Robert Johnson gehören dazu, jener "dunkle König", wie ihn die "Zeit" nannte, der einen harten Blues spielte und als einer der Urväter dieses Musikstils gilt. Oder Mississippi John Hurt. Gfrerer hat ihm auf seiner neuen CD einen Song gewidmet: "Don’t You Die Until You’re Dead." Aber auch den massentauglichen Sound von Gitarristen wie Mark Knopfler schätzt er. Gfrerer hat immer wieder mit amerikanischen Musikern gearbeitet, in der Resonatorgitarren-Szene ist er weltweit gut vernetzt.

Als Komponist ist er ein eifriger Fußnotensammler, seine Lieder wachsen oft aus Gedankenfragmenten und Melodiefetzen. Der Song "Made By Hand" ist dafür ein gutes Beispiel: Er handelt von einem alten Mann, der seine (Lebens-)Lasten durch den Schnee schleppt. Es gab diesen Mann wirklich, und das gleich mehrfach. Es ist der Nachbar, den er in der Einsamkeit des Komponierens tagtäglich einen Schlitten durch den Schnee ziehen sah: Eine Figur, im Verschwinden begriffen, und mit ihr eine ganze Epoche.

Im wiegenden Schritt des alten Mannes, der ihn zu einer ebensolchen Melodie inspirierte, schwingt auch eine Erinnerung an Gfrerers Großvater mit, der sich als Holzknecht verdingte. Auch in seiner Abstammung ist Gfrerer multilateral, unter seinen Vorfahren gab es auch einen Adeligen.

Songs als Variationen

In seinen Anfängen verfasste Gfrerer Lieder zu Dialekttexten des Kärntner Dichters Bernhard C. Bünker. Mit zunehmend international werdenden Auftritten wuchs sein Bedürfnis, verstanden zu werden, oder zumindest eine Chance zu haben, verstanden zu werden. Die Poesie seiner Liedtexte ist elaboriert. Englisch erschien ihm trotzdem als ideale Sprache für das, was er sagen will. Und für einen Sänger aus Kärnten lässt sie sich auch hinreichend weich intonieren, besser jedenfalls als hochdeutsch.

Wiewohl seine Songtexte zum Mitfühlen einladen und oft aus winzigen Begebenheiten keimen, sind sie bisweilen mit versteckten, gelehrigen Hinweisen auf Personen und Ereignisse durchsetzt: "Ich habe mich bei jedem Song eingelesen." Manche Lieder haben eine lange Vorgeschichte. An "Somebody Else" etwa hat er 17 Jahre lang getüftelt, andere Songs wie "It’s All Water Under The Bridge" flossen ihm beim Duschen zu. "Abbeville" wiederum verdankt sich einem Zufallsfund, einem Memorabile aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das Stück handelt über den Anlass hinaus von den Wunden und Ruinen, die jeder Krieg hinterlässt. Für die Melodie ließ sich Gfrerer von US-Liedgut aus den 1860er Jahren inspirieren.

"Man kann im Leben nicht viele wirklich unterschiedliche Lieder schreiben", sagt Gfrerer. Ein paar vielleicht, die dann typisch sind und den Sound des Musikers definieren. Alle anderen Songs sind Variationen: Elemente von Melodien werden darin wiederholt, bestimmte Akkordfolgen und Kadenzen. Gfrerer selbst spielt gern in "offener D-Stimmung, mit ein paar alpinen Terzen mittendrin. Aber wahrscheinlich sage ich morgen etwas völlig anderes".