Maria Schneider, 80-jährige Pensionistin aus Rudolfsheim-Fünfhaus, erzählt: "Ich habe Arthrose in den Fingern und kann oft in der Früh nicht mehr aufstehen, weil ich so Schmerzen habe." Manchmal ist ihr in der Früh so schwindelig, dass sie sich wie betrunken fühlt. Dann setzt sie sich auf eine Bank in der Allee hinter dem Stadthallenbad, weil "drinnen ist es mir zu heiß, zu ungut. Ich kann daheim nicht sitzen." In der Allee sehe sie wenigstens ein paar Leute, "manchmal reden wir". Daheim: Das ist ihre 60-Quadratmeter-Wohnung im Erdgeschoss, sechs Stufen hinauf. "Wenigstens ist der Zins niedrig."

Maria wurde in Frauenkirchen im Burgenland geboren, guter Wein, mildes Klima. Sie kam mit 16 Jahren zu ihrer Schwester "rauf" in die Stadt, zehn Jahre lang war sie Hausgehilfin bei den Fürsten Schwarzenberg in der Jacquingasse im 3. Bezirk. Alle Jahre fuhren die Herrschaften für sechs Wochen auf Sommerfrische an den Wolfgangsee.

Maria trug eine weiße Bluse und eine weiße Schürze. Sie servierte geschossenes Wild, Rebhuhn, Enten, ein eigener Jäger sorgte jeden Tag für das Fleisch. "Es war eine schöne Zeit", sagt sie, auch wenn sie wenig Freizeit hatte. Die beiden HohenloheBuben hat sie gekannt, "wie sie so klein waren. Der eine ist ja jetzt beim Opernball", erzählt sie stolz. "Der andere ist der Fotograf." Glückliche Kinder beide. Erfolgreiche Kinder.

Zerstörter Sehnerv

Dagegen das eigene Leben: Marias späterer Mann wohnte beim Rennweg, nicht weit von den Schwarzenbergs, "geboren am 20. April, ein Hitlerkind. Der hat damals ein Geld gekriegt zum Geburtstag. Ja, das war so!" Maria heiratet, sie ziehen in eine gemeinsame Wohnung, sie beginnt in einer Herrenmaßhemdenerzeugung zu arbeiten. Im März 1965 kommt ihr erstes Kind zur Welt, es ist ein Sohn.

Drei Monate später ist Maria schon wieder schwanger, sechs Monate später schon wieder Mutter. Es ist eine Tochter. Die Ärzte nennen das Kind Gabriele, ohne die Mutter zu fragen, denn es war ein Frühchen mit 94 Deka, nur 39 Zentimeter lang. Sie legen Gabi ein halbes Jahr lang in den Brutkasten, die Mutter kann "nur beim Guckerl hineinschauen, dann wieder nach Hause gehen, eine Woche später wieder beim Guckerl hineinschauen. Zu sehen, wie sie da drinnen liegt, das war furchtbar", erzählt sie.

Maria hat ihr Kind nie gespürt, nie gestreichelt, nie getragen. Ihr blindes Kind Gabriele. Das Fruchtwasser hatte ihre Sehnerven zerstört, haben sie ihr gesagt. "Na selbstverständlich war das ein Schock", sagt die Mutter. "Es war bitter. Es war immer bitter. Aber was soll man machen? Eine Mutter schafft alles."