Gabriele wog 1,8 Kilo, als sie nach Hause durfte. Wenn die Mutter ihr etwas zu spielen gab, dann griff sie nicht danach. Wenn sie ihr Kind anlachte, dann lachte es nicht zurück. Gabis Welt blieb dunkel. Woran sie, die Tochter, sich erinnert: "Ich habe kaum Spielzeug gehabt. Ich habe gerne Nüsse gehabt. Und ich habe es gerne gehabt, wenn etwas gescheppert hat." Die Mutter: "Einen Lärm halt, eine Musik." Gabi: "Und ich habe mich vor Aufzügen gefürchtet. Ich wollte in den Aufzug nicht einsteigen." Angst blieb das prägende Gefühl auch für die Mutter: "Ich kann nie wie andere Leute sagen: Ich mach, was ich will. Ich freu mich auf etwas oder über etwas, das geht nicht."

Der Mann, der Vater, tat sich schwer mit der Tochter. "Der hat immer gesagt: Ich pack’ das nicht", sagt die Mutter. "Ich hab das gespürt", sagt die Tochter. Mit dem Bruder versteht sie sich bis heute, er kümmert sich um sie, hilft ihr, nimmt sie zum Schwimmen mit. Aber als Kind? "Er hat halt auch nicht gewusst, was er mit mir anfangen soll", lacht Gabriele. "Er hat seine Freunde gehabt und ist fortgegangen", sagt die Mutter. Freunde, wie Gabriele sie nie hatte.

Die ersten Weihnachten: Der Bub - leuchtende Augen. Das Mädchen - nichts. "Jede Weihnachten, jeder Geburtstag, jeder Feiertag ist traurig", sagt die Mutter. Die zurückliegenden Ostern, sie waren sonnig und warm, verbrachten beide im Bett. "Ich hab’ so Schmerzen gehabt, dass ich froh war, irgendwo zu liegen oder zu sitzen, wo ich mich nicht bewegen muss. Ich stehe auf und hab Schmerzen. Ich greife ein Häferl an und hab Schmerzen. Früher ist alles flott dahingegangen, jetzt brauch ich so viel Zeit, wenn ich was abwischen muss. Die Ärzte sagen: Sie sind 80, was wollen Sie?"

Mit sechs Jahren musste Gabriele eingeschult werden. In der Zinckgasse gleich neben der Wohnung gab es eine Schule für Sehbehinderte, aber dort hat man der Mutter gesagt: "Sie sieht ja gar nichts! Die können wir nicht nehmen." Also gab sie ihre Tochter in die Blindenschule mit Internat bei der Rotundenbrücke im 2. Bezirk: "Da hab ich sie am Montag hingebracht und am Samstag wieder abgeholt." Bis sie 19 war, war Gabi dort, aber an den Samstagen, Sonn- und Feiertagen war sie noch nie woanders als bei ihrer Mutter.

Ein strahlendes Wesen

Gabi lernte, sich ihre Welt zu erarbeiten: "Einer braucht dafür 40 Stunden, der andere 60. Mit dem Stock gibt es eine spezielle Technik. Man muss sich sehr konzentrieren und sich sehr viel merken. Ist der Boden glatt? Uneben? Man muss Anhaltspunkte finden." Gabi hört, ob ein Haus offen ist oder nicht. Ob es zurückversetzt ist oder nicht. "Ich habe ein gewisses Bild im Kopf", sagt sie. "Und sie hat ein sehr gutes Gehör", sagt die Mutter. "Wenn es regnet, und ich habe die Fenster zu, hört sie durch die Fenster den Regen."

Die Bäume, das Grün, die Wiesen? "Das ist das Gras. Das sind die Blumen. Greif sie an! Reiß sie aus! Riech daran! Alles hab ich ihr erklärt", sagt die Mutter. Der Schnee? "Der ist halt kalt", lacht Gabi. "Ich hab ihn ihr im Wald angreifen lassen", sagt die Mutter. "Wir haben ihr eh alles gezeigt, was möglich ist." Bis vor vier Jahren fuhren die beiden an jedem Wochenende auf die Steinhofgründe einen Kaffee trinken und eine Torte essen. "Aber es geht nicht mehr", sagt die Mutter. "Ich sage ihr, sie soll nicht so rennen. Aber kaum gehen wir drei Schritte, zieht sie schon wieder und reißt mich mit."