Gabi lacht, sie lacht oft. "Ich muss ein strahlendes Wesen sein", sagt sie, die sich selbst noch nie gesehen hat. Sie versucht, sich ihre Mobilität zu erhalten, auch, weil sie Zucker hat und eine Niere kaputt ist. "Wenn schon, denn schon", lacht sie wieder. Ihre liebste Jahreszeit ist der Sommer, weil das Anziehen nicht so lange dauert und sie besser gehen kann. "Der Winter ist für uns Blinde sehr schwer, weil der Schnee alles dämpft und wir fast nichts hören."

Gabi war 35 Jahre lang Bürstenmacherin: "Ich wollte immer etwas mit der Hand machen", sagt sie. "Aber es gibt halt leider für uns Blinde sehr wenige Möglichkeiten." "Telefonistin hat sie nicht geschafft", sagt die Mutter. Jeden Tag zog Gabi Borstenbündel durch 1000 bis 1200 Löcher, Höchstleistung: 1700. Die Arbeit hat ihr Spaß gemacht, fad war ihr nicht. Aber für die Mutter war sie zu ehrgeizig: "Tu langsam!", hat sie ihr immer gesagt. "Geh aufs WC! Nimm dir Zeit!"

Aber am Abend hatte sie wieder 15 Bartwische geschafft, darum nannte man sie "Maschine". "Du kannst auch als Blinde deine Leistung bringen", beharrt die Tochter. "Aber ich habe ihre Hände gesehen!", sagt die Mutter. "Überall ganz schwarz und eingeschnitten." Immer die gleiche Bewegung, 35 Jahre lang, fünf Tage in der Woche, kein einziger Tag im Krankenstand. "Wer macht so etwas?", fragt die Mutter. "Ich wollte die Anerkennung", sagt die Tochter. "Und Blindheit soll keine Ausrede sein." Abends freilich schlief sie nach einer Viertelstunde auf der Couch ein, 35 Jahre lang. Bis auch sie nicht mehr konnte und den Antrag auf Pension stellte.

Dazwischen: "Einmal sind wir nach Chalkidiki in Griechenland geflogen, wo drüben die Klöster sind, 14 Tage am Meer, das war vor 20 Jahren." Der Mann war noch mit, der Vater, der mit Gabi geschwommen ist. "Das Meer war toll", erinnert sie sich. "Das Wasser spüren. Das Rauschen hören. Das Salz riechen." Aber wie die Sonne im Meer versinkt, wie weit der Horizont geht - das konnte sie nie sehen. Und ihren Vater, der mit 54 Jahren einfach umfiel und tot war, auch ihn hat sie nie gesehen.

Vor zehn Jahren zog Gabi in eine eigene Wohnung, nicht weit von jener der Mutter. Dort sitzt sie abends und hört die Nachrichten im Radio oder CDs mit Volksmusik, Seiler & Speer oder Andreas Gabalier, den sie liebt. Sie träumt davon, einmal ein Konzert von ihm zu besuchen. "Oder einmal einen Tag in eine Therme zu fahren. Oder Salzburger Nockerl in der Stadt zu essen."

Keine Ruhe mehr

"Sie hat so viele Träume", sagt die Mutter, bei der mit dem Auszug der Tochter die Schlafstörungen anfingen, sie hat nun keine Ruhe mehr. "Man hat die Angst da drinnen, und die bringt man nicht mehr los. Es kann ja sein, dass sie sich verfährt am Heimweg. Oder vielleicht ist sie hingeflogen? Das kommt mir alles in den Sinn. Meine Nerven sind kaputt. Erst wenn sie anruft und sagt, sie ist zu Hause, dann kann ich aufhören, Angst zu haben."