"Wiener Zeitung": Frau Zanotta, liege ich mit meinem Eindruck richtig, dass das Gefühl der Scham erst in den letzten Jahren verstärkt von Psychotherapeuten in ihren Büchern thematisiert wird?

Silvia Zanotta: Ja, das stimmt. Als ich begann, mein Buch ("Wieder ganz werden. Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen", Verlag Carl-Auer 2018) zu schreiben, gab es noch recht wenig Literatur. Einerseits denke ich, dass selbst Therapeuten Scham nicht als solche erkennen oder vermeiden, da es ein derart schlimmes Gefühl ist. Andererseits ist man durch die Weiterentwicklung der Traumatherapien in den letzten Jahren immer wieder besonders auf das Thema der Scham gestoßen.

Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

In meine Praxis kamen häufig traumatisierte Personen, die während der Stunde plötzlich dissoziierten, das heißt gedanklich völlig abdrifteten oder sich nicht mehr spürten und daher auch für den therapeutischen Prozess nicht mehr zugänglich waren. Um ehrlich zu sein, war ich damit zu Beginn meiner Tätigkeit recht hilflos. Ich versuchte daraufhin, besonders freundlich zu dem Klienten zu sein, was die Sache aber häufig noch verschlimmerte. Erst viel später bemerkte ich, dass sich diese Leute eigentlich in Grund und Boden schämten, weil sie überzeugt waren, dass sie schlecht sind - oder an allem selbst schuld.

Wieso ist Freundlichkeit kein günstiger Umgang mit der Scham? Was ist die Alternative?

Für Traumatisierte sind Klarheit und Abgrenzung sicherheitsspendend, nicht unbedingt Freundlichkeit. Diese fühlt sich für jemanden, der etwa sexuellen Missbrauch erfahren hat, mitunter sogar gefährlich an. Er hat ja viele Male erlebt, dass man der Freundlichkeit nicht trauen kann. Das ist im Körper gespeichert. Der Klient versucht sich demzufolge zu schützen, reagiert mit Ablehnung oder blockiert. So sagte eine in der Kindheit schwer traumatisierte Person einmal zu mir: "Ich hasse es, wenn Sie so sanft mit mir sprechen!" Daher beginne ich heute mit "Psychoedukation". Das heißt, ich erkläre den Menschen, dass das, was ihr Körper macht, eigentlich ein Schutzmechanismus ist, zum Beispiel die Dissoziation. Und ich tue alles, damit sich die betroffene Person sicher fühlt.

Gehen wir nochmals einen Schritt von der Behandlung zurück. Warum brauchen Menschen überhaupt das Gefühl der Scham?

Die Scham spielt eine wichtige Rolle in der kindlichen Entwicklung, und sie hat eine Anpassungsfunktion in der Gemeinschaft. Mir gefällt der Ansatz des Somatic-Experiencing®-Traumatherapiegründers Peter Levine, der sagt, dass die Scham so eine intensive Emotion sein muss, damit gewisse Dinge wirklich verinnerlicht werden. Ein Beispiel: Wenn Kinder mit rund 18 Monaten beginnen die Welt zu erkunden, müssen die Eltern ihnen in Gefahrensituationen ganz klar gewisse Grenzen aufzeigen. Etwa, dass es nicht geht, auf die Herdplatte zu greifen oder auf dem Balkongitter herumzuklettern. Die Klarheit und vielleicht auch Schärfe, mit der dies gesagt werden muss, ruft beim Kind zuerst ein Erschrecken, dann ein Zurückziehen, Sichabwenden und Verbergen, einen Vorläufer der Scham, hervor. Hoffentlich im positiven Sinn, sodass das Kind lernt: "Das, was ich hier tue, ist nicht okay." Reagieren die Eltern aber mit Beziehungsabbruch, indem sie das Kind wegschicken oder strafen, wird beim Kind das Gefühl ausgelöst: "Ich bin als Ganzes nicht okay". Passiert dies öfters, so wird diese Botschaft verinnerlicht, toxische Scham entsteht, und das Kind beginnt sich selbst abzuwerten. Später braucht es möglicherweise ständig jemanden, der es bestätigt, um sich gut fühlen zu können.