Silvia Zanotta im Gespräch mit Dagmar Weidinger. - © Markus Ladstätter
Silvia Zanotta im Gespräch mit Dagmar Weidinger. - © Markus Ladstätter

Woran erkennen Sie "toxische Scham"?

Scham ist oft schwer zu erkennen. Peter Levine sagt zwar, dass die Scham wie ein 300-Kilo-Gorilla mit im Therapieraum sitzt, zumeist versteckt sie sich aber hinter anderen Gefühlen wie Angst, Wut oder Ekel. Scham ist ein äußerst unangenehmes Gefühl: Wer sich schämt, möchte sich zurückziehen oder verschwinden. Manche Menschen wehren Scham ab, indem sie versuchen, andere zu beschämen, und überheblich, aggressiv oder zynisch reagieren.

Über die Abwehr von Scham hat sich unter anderem der Psychiater Hans-Joachim Maaz Gedanken gemacht. In seinem Text "Schuld und Scham in der narzisstischen Gesellschaft" schreibt er etwa: "Ich verstehe unsere gegenwärtige (europäische) Gesellschaft als eine narzisstische Gesellschaft, deren massenpsychologisch wirksame ‚Normopathie‘ auf abgewehrter und ausagierter früher Scham beruht." Mit Normopathie ist hier eine kollektive Fehlentwicklung gemeint, die dermaßen verbreitet ist, dass sie bereits wieder als "richtig" wahrgenommen wird.  Würden Sie dem zustimmen?

Die Frage ist zuerst, von welcher Art von Scham Maaz spricht. Ich finde, da sollte man sehr genau differenzieren. Er meint wohl nicht die gesunde Scham, sondern die bereits zuvor erwähnte toxische Scham, die durch Beschämung entstanden ist. Klar führt frühe Beschämung dazu, dass man abspaltet oder andere beschämt - neben Erstarren oder Flucht ist die Aggression immer eine Form der Schamabwehr, die auch zu Gewalt führen kann.

Maaz geht noch weiter, indem er sagt, dass diese Form der frühen Beschämung "massenpsychologisch zu Feindbilddenken, Extremismus und Sündenbockjagd" führt - Gewalt also, wie Sie sie ansprechen; und er vergleicht das Auftreten gewisser schambedingter Strukturstörungen aus der Nazi-Zeit und der DDR mit unserer heutigen Gesellschaft und ihren rechten Tendenzen. Kann man denn einen Zusammenhang zwischen einer politischen Entwicklung und einer möglicherweise kollektiv vorhandenen Scham herstellen?

Rechte Strukturen herbeizuwünschen ist sicherlich eine Form der Schamabwehr. Diese rigide Form des Reagierens passt aber vor allem zur Traumatisierung. Ich denke, dass hier die transgenerationale Weitergabe von Traumata eine große Rolle spielt. Die Kinder oder Kindeskinder von Eltern, die den Zweiten Weltkrieg erlebten, hatten unter Umständen keine Eltern, die ihnen ein sicheres Bindungsangebot machen konnten. Außerdem belegen Forschungen, dass Traumata über Generationen vererbt werden.

Stephan Marks schreibt in dem Buch "Scham - die tabuisierte Emotion", dass auch Ehrenmorde oder Selbstmordattentate das Resultat ausagierter Scham seien. Sind diese Ereignisse also allesamt "Traumafolgen" bzw. Schamabwehr?