"Wenn man mit der Scham arbeitet, ist es wichtig, ihr etwas ganz Starkes entgegenzusetzen." - © Markus Ladstaetter
"Wenn man mit der Scham arbeitet, ist es wichtig, ihr etwas ganz Starkes entgegenzusetzen." - © Markus Ladstaetter

Die Art, wie mit Scham umgegangen wird, ist immer kulturell bedingt. Und natürlich gibt es Kulturen bzw. Gesellschaften, in denen es Tradition ist, sich zu rächen, also zurückzubeschämen. Es ist dann einfach die Regel, sich so zu verhalten. Menschen, die in so einer rigiden Kultur leben, haben gar keine andere Wahl, weil sie sonst selber aus der Gemeinschaft ausgestoßen oder von dieser geächtet würden.

Wie kommt es dazu, dass die familiäre Ehre oder die Ehre eines Clans so hohe Bedeutung hat?

Ich denke, das hat mit der Suche nach Sicherheit zu tun. Leute, die in solchen, fast totalitären Strukturen aufwachsen, fühlen sich darin geborgen und sicher. Auch orientierungslose Jugendliche, die in einer Gruppe mitmarschieren, mitjohlen oder mitsingen, fühlen sich auf diese Art und Weise sicher und dazugehörig. Eigentlich funktionieren wir immer noch genau gleich wie vor zwei Millionen Jahren - Menschen brauchen zwei Dinge ganz besonders: das Gefühl von Sicherheit und jenes von Dazugehörigkeit.

Wie kann es dennoch gelingen, destruktive Formen der Schamabwehr aufzubrechen?

Das ist sehr schwer, denn das sind ja starke und an die Gemeinschaft bindende Glaubenssysteme. Ich denke, das kann nur gelingen, wenn diese Leute auch andere Kulturen kennenlernen, ansonsten ist es ja ihre ganze Welt. Darum haben es auch junge Leute mit Migrationshintergrund, die in Westeuropa in beiden Gruppen leben, oft so schwer. Viele von ihnen erleben eine große Verwirrung. Und die Gefahr, beschämt zu werden, wenn sie sich nicht an gewisse Regeln halten, ist sehr groß für sie. Hier hat Scham eben die erwähnte Anpassungsfunktion. Sie stellt letztlich sicher, dass jeder in der Gemeinschaft bleibt, und niemand ausschert. Denn wer sich nicht konform verhält, wird ausgestoßen, und das ist das Schlimmste für einen Menschen. Die toxische Scham ist für unseren Organismus überaus bedrohlich, es ist ein Gefühl von "Nicht-mehr-Sein-Wollen", "Sich Auflösen-Wollen" oder von Verschwinden. Auf körperlicher Ebene kommt das einer totalen Erstarrung bzw. einem Kollaps gleich.

Sie meinen also, ein beschämter Mensch bricht körperlich zusammen?

Ja, genau, er kann starken Schwindel und eine grenzenlose Ohnmacht erleben. Ich habe das auch in meiner Praxis gesehen, dass Menschen beinahe kollabieren oder in einer Verkrampfung verharren. Bereits die Sprache führt uns vor Augen, wie schlimm dieses Gefühl tatsächlich ist. Schwer traumatisierte Personen sagen zum Beispiel: "Ich möchte am liebsten verschwinden." Oder: "Ich möchte mich aulösen." Das ist schlimmer als: "Ich will nicht mehr, ich bring‘ mich um."

Wie arbeiten Sie dann in der Therapie mit Klienten, die ihre Scham bearbeiten sollen - ist das nicht gefährlich?

Wenn man mit der Scham arbeitet, ist es wichtig, ihr etwas ganz Starkes entgegenzusetzen, ansonsten kann man sich dem gar nicht stellen. Ich muss also vorher ganz viel Ressourcenarbeit machen, um immer auch die Würde und Lebensfreude eines Menschen mit im Boot zu haben. Auf der Körperebene halte ich es für ratsam, im Stehen zu arbeiten.