"Mein Interesse für Psychologie entwickelte ich, als meine beiden Töchter auf die Welt kamen." - © Markus Ladstaetter
"Mein Interesse für Psychologie entwickelte ich, als meine beiden Töchter auf die Welt kamen." - © Markus Ladstaetter

Sie haben im Laufe Ihres Lebens auch andere Kulturen kennengelernt und als Jugendliche ein halbes Jahr in Brasilien verbracht. War das eine Art "Ausstieg" aus der Leistungsgesellschaft für Sie, bzw. haben Sie dort etwas Anderes vorgefunden?

Es stimmt, dass ich vor allem von meinem Vater streng katholisch aufgezogen wurde. Meine Mutter hingegen war eine Rebellin. Ich hatte also immer beides. Meine Schulzeit verbrachte ich in einem katholischen Internat. Was ich aber übrigens zu dem Zeitpunkt selbst so wollte, da ich bereits viele Internatsabenteuerromane gelesen hatte und mir das Ganze sehr toll vorstellte. In der Realität war es dann ein wenig anders. Ich sehe diese Zeit heute aber nicht negativ; sie hat mich geprägt und ohne sie hätte ich vielleicht nicht den Weg eingeschlagen, Therapeutin zu werden. Und um zur Leistungsgesellschaft zurückzukommen. Ich bin nach der Schulzeit tatsächlich eine ganze Weile alleine durch Brasilien gereist, und damals war es dort noch anders! Der einzelne Moment war viel wichtiger. Die Hauptsache war, sich über das Leben zu freuen. Es gab eine andere Form des im Hier-und-Jetzt-Lebens; etwas, das wir hier im Westen in der Form verloren haben - die Menschen in Brasilien mittlerweile jedoch auch. Man lebt oft entweder mehr in der Vergangenheit oder in der Zukunft, aber sehr wenig im Moment.

Als Reaktion auf Ihr Aufwachsen waren Sie nicht nur in Brasilien, sondern wurden auch Sängerin der Punk-Band Mother’s Ruin. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Ich habe es geliebt, zu singen, zu tanzen und auf der Bühne zu stehen! Damals reagierten die Leute in der Schweiz natürlich mit Abwehr auf uns. Wer so etwas tat, war schon ein Außenseiter. Das bekam man auch immer wieder zu spüren. Man wurde ausgelacht oder nicht mehr überall eingelassen. Diese Tatsache hat mir aber sehr viel Freiheit gegeben, da ich auf diese Weise lernte, mein Ding durchzuziehen und auf Bauchentscheidungen zu hören.

Wie ist es heute für Sie, auf einer Bühne zu stehen?

Mit der Musik war es nie schwer, vor die Menschen zu treten. Und es macht mir in der Tat auch heute noch Spaß. Für mich war es zu Beginn eine viel größere Überwindung, als Therapeutin auf einer Bühne zu stehen, da sich das fremd anfühlte.

Wie wurden Sie von der Punk-Sängerin zur Therapeutin, und warum zog es Sie nicht zur Musiktherapie?

Ich war ja zuerst Übersetzerin von Beruf und dachte tatsächlich, ich würde einmal Musikerin werden. Mein Interesse für Psychologie entwickelte ich, als meine beiden Töchter auf die Welt kamen. Ich wusste damals, dass ich es nicht so machen wollte wie meine Eltern, hatte aber auch keine Idee, wie ich es sonst machen sollte. Also begann ich während der Schwangerschaft mit meiner zweiten Tochter Psychologie zu studieren. Musiktherapie war für mich keine Option, da man dafür ans Konservatorium gemusst hätte. Nun habe ich zwar immer schon Klavier gespielt, aber gerade in der Punkzeit wehrte ich mich dagegen, etwas zur Perfektion zu lernen. Meine Bandkollegen konnten am Anfang vielleicht vier, fünf Akkorde spielen. Dadurch sind aber total coole Songs entstanden. So etwas ist nicht mehr möglich, wenn man zu viel kann. Ich habe übrigens immer noch gerne jugendliche Klienten, die aufmüpg sind. Die verstehe ich bis heute total gut.

- © Markus Ladstaetter
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