ACDH-Direktor Karlheinz-Mörth. - © Sandra Lehecka
ACDH-Direktor Karlheinz-Mörth. - © Sandra Lehecka

"Wiener Zeitung": Herr Mörth, müssen Geisteswissenschafter heute zu IT-Experten werden, um ihre Arbeit tun zu können?

Karlheinz Mörth: Ja. Die Methode der Geisteswissenschaft ist das Interpretieren. Um Forschungsresultate entsprechend einschätzen zu können, müssen die Forschenden in den digitalen Geisteswissenschaften deswegen auch verstehen, wie sie zu den Resultaten kommen, wie die Werkzeuge und Algorithmen funktionieren, die sie anwenden. Nun ist der Prozentsatz der mit digitalen Methoden arbeitenden GeisteswissenschafterInnen immer noch gering. Allerdings ändert sich das gerade rapid. Als wir 2015 an der Akademie der Wissenschaften mit dem ACDH angefangen haben, war noch sehr viel Überzeugungsarbeit vonnöten. Mittlerweile können wir uns der Kooperationsansuchen kaum noch erwehren. Alle, die erfolgreich arbeiten wollen, brauchen digitale Unterstützung. Es gibt nur wenige Einrichtungen mit entsprechender Expertise in Österreich. Wir haben definitiv mehr zu tun, als mit unserer beschränkten Anzahl an MitarbeiterInnen leistbar ist.

Welche Unterstützungen können Sie geben?

Manche Projekte begleiten wir vom Anfang bis zum Ende. In vielen Bereichen ist es nach wie vor so, dass die Primärdaten nicht digital vorliegen. Deswegen haben wir ein Digitalisierungszentrum eingerichtet, in dem Gedrucktes gescannt wird. Wir helfen bei der Modellierung und Anreicherung der Daten und natürlich auch bei der Analyse. Eine wichtige Rolle spielt die Frage der Langzeitarchivierung. Man kann heute weder in Österreich noch in Europa Förderungen bekommen, ohne einen detaillierten Daten-Management-Plan vorzulegen. Darin muss nicht nur erklärt werden, wie man die Daten produziert, sondern auch, wo sie nach Abschluss des Projekts verwahrt werden. Dafür gibt es sogenannte Repositorien, digitale Datenspeicher, die dafür sorgen, dass die Daten längerfristig verfügbar bleiben. Wir haben an der Akademie ein eigenes Repositorium aufgebaut, das auf geisteswissenschaftliche Daten spezialisiert ist.

Und man kann die Zukunft der Datenspeicherung wirklich vorhersagen?

Seriöserweise kann niemand die Entwicklungen mit Sicherheit vorhersehen. Was man sagen kann, ist aber, dass viel von der Art der Daten abhängt. Diese müssen verständlich sein, sie müssen in Standard-Formaten vorliegen. Dies erlaubt es, sie bei Änderungen in den Standards in neue Formate überzuführen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man sich schon jetzt an die geltenden Standards hält . . .

. . . an die man sich aber in Zukunft ebenso halten muss?

Der Prozentsatz der mit digitalen Methoden arbeitenden GeisteswissenschafterInnen ist immer noch gering. - © Jugoslav Vlahovic
Der Prozentsatz der mit digitalen Methoden arbeitenden GeisteswissenschafterInnen ist immer noch gering. - © Jugoslav Vlahovic

Genau. In diesem Zusammenhang kooperieren wir mit internationalen Institutionen, die an allgemeingültigen Standards arbeiten. Neue Applikationen dürfen nicht in einem standardfreien Raum entstehen. Für die Geisteswissenschaften ist das oft schwierig: wir sind es gewohnt, unsere eigenen Kategorien zu entwickeln. In der digitalen Welt kann man allerdings nur mit Objekten arbeiten, die exakt definiert sind und von anderen und auch der Maschine verstanden werden.

Betrifft das nur die Formatierung?

Nein, das berührt auch die Inhalte. Ganz zentral für unsere Arbeit sind sogenannte "kontrollierte Vokabularien", einfach gesprochen Listen, in denen Begriffe definiert werden. Idealerweise sollten die benutzten Konzepte dann auch im Internet über dauerhaft zur Verfügung stehende Referenzen verfügbar sein. So gibt es beispielsweise in meinem Fach, der Linguistik, eine Datenbank, in der viele Fachtermini verbindlich definiert sind. Darauf können alle, die linguistisch arbeiten, jetzt und in Zukunft verlässlich zugreifen.

Muss sich jeder einzelne Wissenschafter dieser strengen Systematik unterwerfen?

Ja und nein: das wissenschaftliche Leben wird tatsächlich nicht einfacher. Das Digitale erlaubt a priori keine semantischen Unschärfen. Die Forscher müssen heute wirklich mehr Aufbereitungs- und Analysearbeit leisten als in der Vergangenheit.

Ist da noch Platz für all die Ambivalenzen und metaphorischen Schwebezustände, mit denen sich zumindest die Literaturwissenschaft zu beschäftigen hat?

Wir kommen auch hier weiter, sind aber von definitiven Lösungen noch weit entfernt. Vieles funktioniert in speziellen Anwendungen, lässt sich aber nur schwer generalisieren. Es wurden teilweise große Fortschritte gemacht, beispielsweise in der automatischen Übersetzung; es gibt aber nach wie vor keine Software, die Zwei- oder Mehrdeutigkeiten verlässlich erkennen und übersetzen könnte. Es wird daran gearbeitet, aber wirklich gelöst ist das Problem noch nicht.

Da bewegen wir uns wahrscheinlich schon im Feld der künstlichen Intelligenz.

Richtig. Ein spannendes, aber sehr anspruchsvolles neues Feld in den Digital Humanities. Durch diese relativ neuen Technologien wird vieles in der Anwendung und Analyse noch markant komplexer werden.

Wäre es eine Lösung, sich einfach auf sein eigenes Gehirn zu verlassen?

Denke ich nicht! Was man lernen muss: In welchen Situationen ist welches Werkzeug effizienter. Beim Durchforsten riesiger Datenmengen ist die Maschine unschlagbar. Der Mensch muss aber immer noch entscheiden, was er akzeptiert und was nicht. Wodurch er wiederum neuen Input erzeugt, durch den die Maschine wiederum weiterlernen kann, und Algorithmen verbessert werden können.

Was sagen Sie jemandem, der das Gefühl hat, er gebe sein eigenes Denken auf, wenn er die Arbeit an die Maschinen delegiert?

Ich glaube, man muss die Maschine als Unterstützer sehen. Ich kenne sehr viele Projekte, und ich fürchte im Moment noch nicht, dass die künstliche Intelligenz übernimmt. Auf vielen Gebieten sind die Werkzeuge in den letzten Jahren immer besser geworden, nicht zuletzt durch den Einsatz künstlicher Intelligenz. Trotzdem brauchen wir überall noch die Menschen.

Unser Gehirn verarbeitet vieles nicht, was wir wahrnehmen. Der Computer hingegen ist immer auf möglichst umfangreiche Datenmengen ausgerichtet. Kommt es da nicht zu einem Konflikt zwischen uns und den Computern?

Das Problem haben wir alle jeden Tag, wenn wir im Internet unterwegs sind. Überall, wo wir es mit Big Data zu tun haben, ist das Herausfiltern des wirklich Relevanten die eigentliche Herausforderung. Aber auch da werden die Algorithmen Schritt für Schritt besser. Ich glaube, wir leben in einer extrem spannenden Zeit. Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist so viel Wissen akkumuliert worden, und es deutet alles darauf hin, dass die Geschwindigkeit weiter zunimmt. Wir wissen alle nicht, wohin das führen wird. Was mich in diesem Zusammenhang eher unglücklich stimmt, ist die Fundamentalopposition gegenüber neuen Entwicklungen. Es gilt, Wege zu finden, zu lernen, mit den neuen Rahmenbedingungen umzugehen.

Kann die Wissenschaft dabei helfen?

Die Wissenschaft ist durch die Digitalisierung sehr viel enger mit der Gesellschaft vernetzt als früher. Forschungsresultate können viel direkter kommuniziert werden, als dies noch vor 20, 30 Jahren der Fall war. Das gibt natürlich die Hoffnung, dass wissenschaftliche Erkenntnis sich in der Gesellschaft unmittelbarer manifestiert als in der Vergangenheit. Die Krise, in der sich unsere Wissensgesellschaft zu befinden glaubt, kann man auch als eine nie dagewesene Möglichkeit zur Weiterentwicklung sehen.

Aber wer kann eigentlich in der riesigen Informationsfülle die Richtigkeit wissenschaftlicher Informationen gewährleisten?

Da sehe ich eine wichtige Aufgabe für Wissensinstitutionen wie die Akademie der Wissenschaften. Wir brauchen Verfahren, die das Validieren von Informationen schneller, wirksamer und überzeugender machen, als dies heute der Fall ist. Das Phänomen der Fake News hat in der letzten Zeit eine bedrohliche Qualität angenommen. Es ist auch Aufgabe der Wissenschaft, sich zu bemühen, informierend, aufklärend auf die Gesellschaft einzuwirken. Dies kann sie allerdings nicht alleine bewerkstelligen. Natürlich muss die Gesellschaft im Ganzen an Mechanismen arbeiten, wie mit manchen Formen der Irrationalität in den neuen Medien umzugehen ist.

Zurzeit werden die frühen Jahrgänge der "Wiener Zeitung" in einem Projekt der Akademie digital aufgearbeitet. Was reizt Sie an unserem alten Blatt?

Was ich faszinierend finde, ist die große Breite an geisteswissenschaftlichen Disziplinen, für die unser Wien[n]erisches Diarium digital von Interesse ist. Die Zeitung dokumentiert seit 1703 zahlreiche historische Ereignisse und zeigt die Entwicklung des Journalismus und die Veränderungen von Sprache. Über den akademischen Raum hinaus ist unser Projekt auch für Einrichtungen wie Schulen wichtig. Wir gehen auf eine Zeit zu, in der junge Leute keine Papierzeitungen mehr kennen werden: Durch unser Projekt wird eine historische Zeitung auch weiterhin und für alle Interessierten nutzbar bleiben.

Wird die Zeitung auch in ihrer originalen Gestalt im Netz abgebildet?

Ja, wir kombinieren den digitalen Text mit den Faksimiles. Der digitale Text dient der schnellen Durchsuchbarkeit, während das Bild das Original repräsentiert.

Das heißt, Sie produzieren gewissermaßen ein E-Paper aus dem 18. Jahrhundert.

So ist es. Für Forschende stellt diese kombinierte Darstellung einen unheimlich wertvollen Datenschatz dar, der dazu beiträgt, zahllose neue wissenschaftliche Fragen zu beantworten.