"Wiener Zeitung": Herr Buchbinder, als ich Sie kontaktiert habe, wen Sie sich als seelenverwandten Gesprächspartner wünschen, haben Sie sich sofort für Otto Schenk entschieden. Das hat sicher gute Gründe . . .

Rudolf Buchbinder: Es gibt Freundschaften, die halten, weil man vom anderen nichts will. Wir sind nur befreundet, wollen nichts Berufliches voneinander. Wir treffen uns so oft wie möglich.

Otto Schenk: Das Wichtige ist ja der Humor. Das ist so wie eine Mafia, die Humorigen, die einander verstehen. Da braucht man nicht einmal zwinkern - und man kennt sich schon aus.

Buchbinder: Wir lachen sehr viel gemeinsam, auch wenn unsere Frauen manchmal schimpfen.

Schenk: Sie schimpfen, weil wir immer über dasselbe lachen. Unser Humor primitiviert sich, wenn wir miteinander sind. Wir brauchen uns nicht anstrengen.

Buchbinder: Wir wissen sofort, um was es geht.

Beruht Ihre Freundschaft auch auf Ihrer gemeinsamen Leidenschaft für Musik?

Buchbinder: Natürlich plaudern wir auch über Musik, aber eigentlich mehr über Malerei.

Schenk: Er hat eine riesige Sammlung an Büchern über Malerei.

Buchbinder: An die 2000 Monographien. Ein Buch davon hat Otti mir gebracht - von einem Maler, das ich noch nicht hatte.

Schenk: War schwer . . .

Buchbinder: Vor allem, du trennst dich auch ungern.

Schenk: Ja, ich habe es sehr ungern hergegeben. So weit geht keine Freundschaft, dass man ein Buch gerne herschenkt.

Buchbinder: Ich habe einmal einen Teppich von ihm erworben, und jedes Mal sagt er, achje, das ist mein Lieblingsteppich gewesen!

Mit anderen Worten: Ihre Seelenverwandtschaft basiert zuallererst auf Humor . . .

Buchbinder: Das Wichtigste ist vielleicht sogar die Ironie. Ironie wird oft falsch verstanden. Gerade in anderen Ländern waren Leute oft schockiert, wenn ich irgendeinen ironischen Spaß gemacht habe. Aber unter Freunden, genauso wie unter Ehepaaren, ist das ganz wichtig.

Sie führen beide sehr langjährige Ehen. Herr Buchbinder, Sie haben Ihre Frau bereits 1957, als Elfjähriger an der Musikhochschule kennengelernt. Ihre Frau war ebenfalls eine hochbegabte Pianistin.

Buchbinder: Wir sind jetzt 53 Jahre verheiratet - und ihr?

Schenk: 62 Jahre.

Sie haben Ihre Frau wiederum am Reinhardt-Seminar kennengelernt . . .

Schenk: Ja, aber da hat sie mich nicht mögen, ich musste lang um sie herum girren.

Herr Schenk, Sie lassen immer wieder durchklingen, dass Sie klassisches Lampenfieber nicht kennen. Vor einem Auftritt haben Sie eher eine Art Erschöpfung, eine gewisse Müdigkeit. Das Einzige, was Sie wirklich nervös machen würde, wäre, wenn bei einer Premiere Ihre Frau im Publikum säße. Warum ist das so?

"Man zerredet sehr viel, weil das Gefühl hat eine andere Sprache als der Verstand. Eine suggestive Regieführung ist wichtiger als eine erklärende." - Otto Schenk - © Moritz Ziegler
"Man zerredet sehr viel, weil das Gefühl hat eine andere Sprache als der Verstand. Eine suggestive Regieführung ist wichtiger als eine erklärende." - Otto Schenk - © Moritz Ziegler

Schenk: Weil sie kein Schenk-Fan ist, sondern mich mit eiserner Kritik beobachtet. Sie hat einen sehr guten, einen unerbittlichen Geschmack. Sie fällt nicht auf Tricks herein, verlogene Töne hasst sie, zu leise sprechen hasst sie, unverständliche Worte lösen fast Schreikrämpfe aus.

Zu welcher Aufführung kommt sie dann?

Schenk: In die zweite, das ist, sagt man, oft die schlechteste Vorstellung, ist aber nicht unbedingt wahr.

Buchbinder: Wenn drei-, viermal hintereinander ein Konzert ist, ist das zweite meistens das schwächste - aus dem einfachen Grund, weil im Vergleich zum ersten Konzert ein gewisser Abfall der Spannung zu verzeichnen ist. Beim dritten oder vierten Konzert pendelt sich das wieder ein.

Sie schreiben, je älter Sie werden, desto nervöser werden Sie.

Buchbinder: Sehr richtig. Als junger Mensch geht man auf die Bühne und glaubt, man kann die Welt umreißen. Je älter man wird, desto mehr Gedanken macht man sich.

Schenk: Vielleicht war das bei mir anders, weil ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich die Welt umreißen kann. Ich war als Anfänger sehr unglücklich. Das ist überhaupt der Unterschied zwischen uns: Du kannst alles, was du spielen willst. Ich kann gar nichts, wenn ich Theater spiele. Ich habe keine Stimme fürs Theater, keine Hände fürs Theater . . .

Buchbinder:  . . .kein Gedächtnis?

Schenk: Auch nicht! Ich kann nur gut Theaterspielen, aber die Werkzeuge sind nicht die, die ich gerne hätte. Ich habe sonst ja überhaupt keinerlei Begabung. Ich bin ein Eklektiker, ich suche mir aus meinen ruinösen Trümmern das, was glaubhaft ist, und das verwende ich. Da viele Menschen Ruinen sind, ist ein Ruinenfachmann einer, der sehr viel vom Theater versteht.

Sie schreiben in Ihrem jüngsten Buch, "Wer’s hört, wird selig", dass Sie gerne Sänger, Geiger oder Dirigent geworden wären.

Schenk: Alles! Alles, was mit Können zusammenhängt. Ich habe dann den leichten Weg des Dilettanten am Theater gewählt und spiele auch Theater wie einer, der nicht Theater spielt.

Buchbinder: Das ist natürlich als Pianist unmöglich, als Dilettant auf die Bühne zu gehen.

Schenk: Ich habe ja alles versucht, ich habe ein Jahr lang Klavier geübt. Die Finger waren zu blöd für das, was ich mit ihnen wollte.

Das Klavier dürfte generell ein schicksalhaftes Instrument sein. Zitat aus Ihrem Buch: "Wenn ich jemanden zur Musik bringen sollte, würde ich verhindern, dass er Klavier spielt, damit er ja nicht glaubt, er wird Pianist. Mein Freund Rudolf Buchbinder, der Klavierunterricht gegeben hat, sagt, dass alle seine hochbegabten Schüler den Sprung zum saalfüllenden Solisten nicht geschafft haben. Und er weiß nicht, warum . . ."

Buchbinder: Im Vergleich zu allen anderen Instrumentalisten hat man es als Pianist am schwersten. Mit jedem anderen Instrument kann man ins Orchester gehen, als Pianist macht man entweder Karriere oder man muss andere Möglichkeiten wahrnehmen.

Schenk: Es gibt allerdings Schauspielerschicksale, die ähnlich sind.

Buchbinder: Ja, aber im deutschsprachigen Raum gibt es genug kleine Theater, womit zumindest die Chance besteht, in einem Ensemble unterzukommen.

Sie sind mit fünf Jahren als jüngster Student an der Wiener Musikakademie aufgenommen worden. Mit elf Jahren hatten Sie Ihr Debüt im Musikverein. Dennoch wehren Sie sich gegen den Begriff "Wunderkind".

"Es genügt ja in meinem Beruf nicht, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen oder meine eigenen – man muss sie übertreffen!" - Rudolf Buchbinder - © Moritz Ziegler
"Es genügt ja in meinem Beruf nicht, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen oder meine eigenen – man muss sie übertreffen!" - Rudolf Buchbinder - © Moritz Ziegler

Buchbinder: Weil ich es gern gemacht habe und daneben Fußball spielen konnte, am liebsten im Tor, wo sich alle aufgeregt haben, wegen der Verletzungsgefahr der Finger. Ich habe auf nichts verzichten müssen. "Wunderkind" verbinde ich mit Drill und Zwang. Ich habe immer freiwillig gespielt und geübt.

Herr Schenk, wie halten Sie es als Regisseur mit Proben?

Schenk: Das ist unterschiedlich. Manche Sachen muss man wahnsinnig viel probieren, aber man muss auch Geschenke empfangen dürfen. Wenn eine Szene auf Anhieb gelingt, dann probiert man es noch einmal, schaut, ob es Zufall war, denn ein Zufall nutzt nichts. Aber wenn das wieder gelingt, sage ich: "Mach es immer so!" und rede nicht mehr darüber. Man zerredet sehr viel, weil das Gefühl hat eine andere Sprache als der Verstand. Eine suggestive Regieführung ist wichtiger als eine erklärende. Wenn man jemanden eine Rolle erklärt, macht man schon ein Gesicht, das der in der Rolle nie brauchen kann. Ein erklärendes Gesicht oder ein erklärender Schauspieler ist unverwendbar.

Buchbinder: Bei der Musik empfinde ich es so: Wenn man nicht zusammenpasst, wenn man nicht gemeinsam die Musik atmet, sind auch zwanzig Proben zu wenig, dann wird das nicht funktionieren.

Schenk: Mein größtes Improvisationserlebnis hatte ich mit dem Niavarani. Er hat mir Würmer aus der Nase herausgezogen, die ich selber nicht kannte. Aber Improvisieren ist eine heikle Sache. Ein Freibrief zum Improvisieren ist eine Schmierenanleitung. Trotzdem ist es jedes Mal ein bissl anders. Auch jede Note ist anders. Acht Noten sind nicht gleichwertig.

Buchbinder: Nie, und vor allem heute sind sie anders als morgen oder gestern. Es hängt immer von der momentanen Stimmung ab, von der Spontaneität auf der Bühne.

Ist das der Grund, weshalb Ihre letzten CD-Aufnahmen Live-Mitschnitte sind?

Buchbinder: Ja, im Studio fehlt die Spontaneität, die Emotion und das Wichtigste: Es fehlt die Nervosität, weil man weiß, man kann es zehn Mal spielen, bis es passt.

Hören Sie sich Ihre Aufnahmen später an?

Buchbinder: Nein, meine CDs sind alle originalverpackt. Ich höre sie mir nicht an, weil das für mich abgeschlossen ist. Ein Maler macht ein Bild - und das hängt für ewige Zeiten an der Wand. Es ändert sich nicht. Der Betrachter muss seine eigenen Interpretationen finden. Aber wenn ich heute die Apassionata aufnehme, und ich spiele sie morgen, ist sie wieder ganz anders.

Rudolf Buchbinder und Otto Schenk im "Wiener Zeitung"-Interview mit Christine Dobretsberger. - © Moritz Ziegler
Rudolf Buchbinder und Otto Schenk im "Wiener Zeitung"-Interview mit Christine Dobretsberger. - © Moritz Ziegler

Apropos Beethoven: Ihre Interpretationen von dessen Werken gelten als maßstabsetzend. Friedrich Gulda hat Sie einmal gefragt, ob Ihnen Beethoven nicht langweilig wird?

Buchbinder: Nein, das kann nicht passieren. Ich habe 39 verschiedene Erstausgaben von Beethoven, man entdeckt immer etwas anderes. Ich habe die "Apassionata" fast 500 Mal in meinem Leben gespielt - und freue mich schon, wenn ich sie einmal zum 1000. Mal gespielt haben werde, weil es jedes Mal eine neue Herausforderung ist.

Herr Schenk, wie gehen Sie mit der Herausforderung um, dass von Ihnen immer erwartet wird, die Menschen zum Lachen zu bringen. Wie schaffen Sie das?

Schenk: Humor kann man nicht erklären, hat der Moser gesagt, das mach ich so, warum, weiß ich nicht. Es ist zwischen Instinkt und Verstand. Kapieren ist vielleicht das richtige Wort, man muss etwas kapieren. Komödie entsteht aus der Blamage, aus Peinlichem. Wenn einer ausrutscht, lacht man, ist ja nicht lustig für den, der ausrutscht. Wenn er umfällt und tot ist, lacht man schon nicht mehr.

Wie haben Sie entdeckt, dass Sie auch Regie führen können?

Schenk: Durch dreinreden. Ich hatte schon in kleinen Theatern gespielt, aber meine Partner waren mir nicht natürlich genug. Ich konnte nicht antworten auf ihr Getue und Gesage und habe gesagt: Geh red’ doch, wie du redst! Dann hat der sehr nette Regisseur gesagt, hilf mir bitte bei der nächsten Szene. Und ich bin schon unten gesessen und habe die nächste Szene für ihn gemacht. Und so ging das weiter.

Und Sie sind schon sehr früh der Oper verfallen . . .

Schenk: Für mich war die gesungene Sprache auf der Bühne nie unnatürlich. Man kümmert sich auch nicht so sehr um die Gefühle, weil die Musik die Gefühle mitteilt. Ein Sänger, der mit verzerrtem Gesicht und verkniffenen Augen Gefühl imitiert, ist nicht der richtige Sänger. Der richtige Sänger singt mit den Augen, er singt mit der Nase, mit dem Körper - er singt, weil er singen muss, weil er nichts anderes gelernt hat. Und dieses Natürliche, wenn sich das überträgt, dann entsteht das Wunder Oper.

Erlebt man als Pianist auch derlei Glücksmomente?

Buchbinder: Es gibt zum Beispiel im 2. Klavierkonzert von Brahms eine ganz bestimmte Stelle im ersten Satz, wo es mir die Tränen in die Augen treibt. Solche ergreifenden Stellen gibt es in sehr vielen Werken, wenn es gelingt, das zum Ausdruck zu bringen, dann hat man schon gewonnen. Es genügt ja in meinem Beruf nicht, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen oder auch meine eigenen - man muss sie übertreffen! Man will beim Publikum ja in Erinnerung bleiben, damit sie beim nächsten Mal wieder in mein Konzert kommen.

Herr Schenk, die 1. Symphonie von Beethoven war für Sie als Schüler ein Schlüsselerlebnis. Welche anderen Werke haben Ihre Leidenschaft zur Musik entscheidend mitgeprägt?

Schenk: Aus meinem Unvermögen heraus, richtig zu hören, waren es immer ein bisschen kompliziertere Sachen, die mich interessiert haben. Bruckners Achte mit diesen vielen Pseudoirrwegen, die zur Schönheit führen. Diese Bescheidenheit, noch nicht loszulegen. Dass er alles konnte, weiß man beim Scherzo dann, aber er hat es sich sehr lang versagt. Bruckner weiß, wieso er auf der Stelle tritt. Meine Sehnsucht, eine Musik zu verstehen, ist größer als meine Musikalität.

Was raten Sie einem Studenten, wenn er ein neues Klavierwerk einstudiert?

Buchbinder: Man muss sich mit dem Komponisten auseinandersetzen, mit seinen Werken, und ein Buch über ihn lesen, dann hat man einen ganz anderen Bezug zur Musik.

Sehen Sie das auch so?

Schenk: Ich sehe das ein bissl anders. Für mich ist das Privatleben eigentlich ablenkend vom Werk.

Buchbinder:Bei Beethoven widerspiegeln die 32 Klaviersonaten sein Leben - von Opus 2 bis Opus 111. Man spürt in jeder Sonate seinen momentanen Gemütszustand, ob er verliebt war oder schlecht aufgelegt. Und Mozart war ein Lebemann, irgendwie spürt man das auch in der Musik.

Herr Buchbinder, Sie schreiben in Ihrem ersten Buch, "Da Capo", dass man in Ihrem Beruf in Wahrheit nie etwas erreicht hat.

Buchbinder: Es gibt immer noch Steigerungen, Dinge, die man erreichen kann! Das ist ja das Schöne in unserem Beruf - es hat kein Ende. Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden. Man darf nicht selbst den Punkt machen.