"Wiener Zeitung": Herr Fraberger, wann haben Sie zuletzt mit Ihrer Frau gestritten?

Georg Fraberger: (lacht) Am vergangenen Wochenende.

Und worüber?

Manchmal verschwinde ich in meinen Gedanken - und dann fragt sie: Wo bist du wieder? Dann muss ich mich rechtfertigen. Das kommt häufiger vor.

Also ein Routinestreit?

Ja, und sie hat auch Recht. Leider. Wir haben jetzt vereinbart, dass ich eine Zeit lang kein Buch mehr schreibe. Sonst bin ich gedanklich immer beim Buch. Auch wenn ich neben ihr sitze.

Sie haben gerade ein Buch über Beziehungen geschrieben, dabei sind Sie gar kein Paartherapeut, sondern Klinikpsychologe.

Wir unterscheiden zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Wir unterscheiden auch zwischen Arbeitsbeziehung und privater Beziehung. Aber es gibt in Wirklichkeit nur eine Lebenszeit - und es gibt nur eine Art von Beziehungen. Der Körper unterscheidet nicht, ob er in der Arbeit ist oder in der Freizeit. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir die Beziehungen, die wir zu Hause führen, auch in die Arbeit mitnehmen. Und wenn meine Beziehung schlecht ist, dann sucht sich mein Körper in der Arbeit eine andere Beziehung, mit der er sich wohlfühlt.

Die Arbeit als Beziehungsersatz?

Naja, im Idealfall. Aber wenn ich in der Beziehung unglücklich bin und mich in der Arbeit wohler fühle, dann schaue ich irgendwann auf meine Assistentin oder schlimmstenfalls eine Patientin. Es ist wichtig, dass man auf seine Beziehungen achtet. Und alles ist Beziehung.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Hauptfrage sei: Woher weiß ich, dass es Liebe ist? Woher weiß man es denn, und ist es überhaupt so wichtig, eine Beziehung zu definieren?

Ja, es ist wichtig, sie zu definieren. Ich unterscheide nicht zwischen Unkraut und Zierpflanzen. Für mich gibt es nur Natur. Deshalb kann ich mich mit einer Distel im Garten genauso wohlfühlen wie mit einer Rose. Aber das tun viele nicht. Bei der Liebe ist es ähnlich. Aus jeder Beziehung kann eine Liebesbeziehung werden - und deshalb muss ich auch jede Beziehung liebevoll betrachten. Ich glaube nicht daran, dass es eine amikale Beziehung gibt und eine karitative und eine erotische, sondern es gibt nur Liebesbeziehungen. In der Schule sehen wir, dass die Kinder zwar Lesen und Schreiben lernen, aber nicht die Liebe zu den Buchstaben. Und deshalb verlieren viele das Interesse.

Was ist Liebe?

Liebe ist eine Form von Schwäche. Eine Schwäche für einen Menschen oder eine Tätigkeit oder eine Sache. Wir glauben, Liebe ist immer Harmonie. Wir glauben, wir müssen uns freuen, wenn wir unseren Partner sehen. (Lacht.) Aber jeder, der schon einmal verheiratet war, weiß, dass Liebe und Freude nicht einhergehen müssen. Und trotzdem ist es Liebe. Wir müssen uns nicht freuen, sondern können auch alle anderen Gefühle in diese Beziehung hineinpacken. Dann ist auch Sorge erlaubt, Trauer oder Wut. Wenn mir auch der Streit mit meiner Frau etwas wert ist, dann weiß ich, das ist Liebe!