Zum Beispiel?

Einer Frau würde ich sagen, bevor es überhaupt so weit ist, schauen Sie, dass Sie möglichst viele Kontoauszüge und sonstige Informationen über das Einkommen kopieren und heben Sie das ja nicht unter der Matratze auf, sondern bei Ihren Eltern. Einem Mann würde ich sagen, räumen Sie alles weg, wenn sie nicht weiß, was da ist, ist es für Sie viel besser.

Die Beratung geht also zunächst einmal von den Besitzverhältnissen aus?

Es geht um Geld, Macht- und Besitzverhältnisse. Dass es dann einen gewissen Interessensausgleich gibt, ist eine kulturelle Leistung, an der muss man arbeiten.

Wenn nun eine Frau zu Ihnen kommt, die sich scheiden lassen möchte - wie darf man sich das erste Beratungsgespräch vorstellen?

Das Gespräch beginnt damit, dass ich mir von meiner Klientin erklären lasse, welche Berufsausbildung sie hat, wie lang sie gearbeitet hat, wie viele Versicherungsjahre sie hat, wie hoch ihre Pension voraussichtlich sein wird. Dann erkundige ich mich nach den Eckdaten ihres Mannes und der Wohnsituation. Die nächste wichtige Frage ist, wie lange sie verheiratet sind, weil davon sehr viele Ansprüche abhängen. Dann interessiert mich natürlich alles rund um die Kinder - wie viele, wie alt, welche Schule, Berufs- oder Studienpläne.

Der tatsächliche Scheidungsgrund interessiert Sie primär nicht?

Nur, um zu prüfen, ob die scheidungswillige Frau ihren Scheidungswunsch auch gerichtlich durchsetzen könnte, oder, ob der scheidungswillige Mann seinerseits ausreichende Gründe für die Scheidung hat. Ich merke schon manchmal, dass die Klienten da-rauf gieren, zu erzählen, wann und wo sie ihren Ehepartner in einer verfänglichen Situation erwischt haben, aber das interessiert mich am allerwenigsten. Das wirklich Spannende ist die Frage: Welche Chancen hat diese Frau? Wie kommt sie nach einer Scheidung zu einem selbstbestimmten Leben?

Sie betonen immer wieder, dass Sie prinzipiell eher für die Aufrechterhaltung einer Ehe plädieren. Warum?

Weil bei einer Trennung aus einem mittelgroßen Vermögen zwei ganz kleine werden. Die Kosten einer getrennten Haushaltsführung sind höher als die des Zusammenlebens, ohne dass sich die Ressourcen erhöhen. Da ist es oft besser, sich mit gewissen Unzulänglichkeiten des Ehemanns abzufinden, als eine Scheidung um den Preis einer deutlichen Verschlechterung des Lebensstandards für sich und die Kinder durchzusetzen.

Es ist also oft schneller gesagt als getan, wenn man den Entschluss fasst: Ich lasse mich scheiden?

Das war in den 70er und 80er Jahren einfacher. Damals war eigentlich die beste Zeit für Scheidungen, man konnte sagen, wir passen nicht mehr zusammen oder wir streiten so viel, ich lasse mich scheiden. Was habe ich damals an Scheidungsgründen gehabt! Zum Beispiel: "Wir haben eine Party gegeben, ich habe Chili con carne gekocht, das ist in der Hitze sauer geworden und mein Mann hat mich ausgelacht. Ich will nicht mit diesem Mann weiterleben." Das ist mir zwar ein bisschen dünn vorgekommen, aber es war wirtschaftlich möglich. Tendenziell ist es heute schwieriger geworden, sich scheiden zu lassen, zumindest bei den Fällen, die ich betreue.