Es gibt eben Männer wie den meinen, die das sehr wohl aushalten. Mein Mann und ich haben uns sehr bemüht, Beruf, Kinder und Haushalt, so gut wir es eben geschafft haben, unter einen Hut zu bringen.

Wenn man sich täglich mit kaputten Beziehungen auseinandersetzt, wie belastend ist das trotz aller Professionalität?

Das ist belastend. Im Gegensatz zu Psychologen lernen Anwälte ja nicht, sich abzugrenzen.

Wie grenzen Sie sich ab?

Gar nicht, ich leide mit. Eine Freundin von mir, die eine Ausbildung als Analytikerin gemacht hat, meinte einmal, ich habe offenbar eine besonders glückliche Kleinkindzeit gehabt und halte deshalb viel aus. Das ist sicher richtig. Ich war ein sehr geliebtes, behütetes Kleinkind und habe die Unannehmlichkeiten des Lebens erst im Kindergarten und in der Schule kennengelernt. Das macht einen belastbar. Natürlich gibt es auch Phasen, in denen einem die beruflichen Belastungen mehr zusetzen. Aber wenn es mir gut geht, habe ich offenbar eine noch nicht erschöpfte Quelle der Empathie für fremde Probleme. Und im Gegensatz zu den Psychologen, die sagen, naja, Sie haben da ein Problem, ich kann Ihnen helfen es zu lösen, aber es ist Ihr Problem, neige ich dazu, zu sagen: Und jetzt schauen wir gemeinsam, wie wir Ihr Problem lösen können.

Ist dieser lange Atem, sich den Problemen anderer Menschen zu widmen, auch Ihre Motivation, dass Sie, wie man an den Aktenbergen sieht, nicht ans Aufhören denken?

Man soll da nicht falsche Idealismen vorschieben, ich verdiene natürlich durch meine Tätigkeit deutlich mehr, als meine Pension ausmachen würde. Aber wenn es mich nicht mehr freuen würde, wenn ich keine Anteilnahme verspüren würde, würde ich aufhören. Doch solange ich jedes Mal dieses Unrecht empfinde, dass eine nette Frau, die so voll guten Willens in die Ehe gegangen ist, jetzt so elend dasteht - solange mache ich weiter.

Wie gehen Sie damit um, wenn durch einen Urteilsspruch Ihrer Einschätzung nach eine Ungerechtigkeit passiert ist?

Schlecht, wie ich jung war, habe ich Migräne bekommen und erbrochen. Auch heute geht es nicht spurlos an mir vorbei.

Ist es schon passiert, dass Ihnen vor Gericht der Geduldsfaden gerissen ist?

Ja, aber selten. Ich bin eher ein geduldiger Mensch. Die Situation, in der ich am leichtesten entgleise, ist, wenn mich jemand blöd anlügt. Diesen Angriff auf die Wahrheit und auf meine Intelligenz vertrage ich besonders schlecht.

Wie unparteiisch ist Ihrer Erfahrung nach das Gericht tatsächlich?

Natürlich sind auch Richter und Richterinnen Produkte ihrer Erziehung, ihrer Weltanschauungen, haben eigene Erfahrungen mit Partnerschaften etc. Ich sage immer: Jeden Tag zu entscheiden, was gut und böse, recht und unrecht ist, ist für jemanden, der nicht der liebe Gott ist, schwer. Andererseits sucht man sich den Beruf des Richters selber aus und wird dafür bezahlt - und da gehört es eben dazu, dass man vielleicht nicht den Grad der göttlichen Gerechtigkeit erreicht, aber doch versuchen sollte, sich asymptotisch anzunähern.