Wird man als Anwältin auch Zielscheibe von Hass?

Natürlich, von Hass und Aggressionen. Bei Verhandlungen habe ich manchmal das Gefühl, dass manche Männer irrtümlich glauben, sie sind mit mir verheiratet. Aber zum Glück ist es ja so, wenn beide einen Anwalt haben, darf mit dem Gegner nur über dessen Anwalt kommuniziert werden. Das ist ein Schutzschild, wird von manchen aggressiven Männern aber auch übel genommen. Sie sagen: Sie reden ja gar nicht mit mir! Dann sage ich zu seinem Anwalt: Bitte, Herr Kollege, erklären Sie Ihrem Klienten, warum ich nicht mit ihm reden darf. Schwieriger ist es mit unvertretenen Gegnern.

Aber es geht nicht so weit, dass Sie Angst haben müssen?

Die Frage ist: Wovor? Als Anwalt lebt man in ständiger Anspannung, ob man den Klienten rechtlich und strategisch richtig beraten, gegenüber dem Gericht das treffendste Argument gefunden hat. Dazu sind wir verpflichtet, und wir leben in einem Rechtsstaat, in dem dies möglich ist. In den letzten Jahren haben sich allerdings Organisationen gebildet, welche vorgeben, die Interessen von Eltern, v.a. Vätern, vor angeblichen Benachteiligungen durch die Justiz zu vertreten, und die versuchen, Richter, Rechtsanwälte und Sachverständige einzuschüchtern. Ich sehe darin einen zutiefst abzulehnenden Angriff auf den Rechtsstaat.

Wie sollte man Ihrer Einschätzung nach darauf reagieren?

Es ist umso wichtiger, dass man sich als Anwalt nicht davor fürchtet, dass ein Gegner einflussreich, aggressiv oder aus anderen Gründen unangenehm ist. Hass des Gegners ist oft ein Zeichen dafür, dass man für seinen Klienten das Richtige getan hat. Gerade bei Konzipientinnen sehe ich oft, wie schwierig diese Situation für sie ist. Frau will ja immer von allen geliebt werden. Aber in diesem Verhältnis: Klient, Richter, Gegner kann man höchstens zweien sympathisch sein - einer davon muss der eigene Klient sein. Allen dreien kann man nicht sympathisch sein wollen, sonst darf man den Beruf nicht ausüben.