Bei Imago werden sich die Partner gegenseitig zu Therapeuten. Für mich stellt sich hier unmittelbar die Frage, wie das bei traumatisierten Menschen funktionieren kann? Vor allem, wenn es sich um ein Bindungstrauma handelt.

LaKelly Hunt (zu Harville:) Lass mich eine rasche Antwort geben, deine wäre viel länger. Jedes Trauma kann durch ein Gefühl der Sicherheit geheilt werden. Die klare Struktur des Imago-Dialogs, die bereits mit einem Einstiegssatz wie "Darf ich jetzt mit dir sprechen?" beginnt, sorgt für ein Gefühl der Sicherheit. Egal, wie verrückt oder depressiv ich also bin, bereits diese Frage holt mich aus den negativen Chemikalien des Stammhirns heraus und bringt mich in den Neocortex, wo ich mich bewusst und rational mit Dingen auseinandersetzen kann. Sobald ich den Imago-Dialog nutze, arbeite ich also an der Integration meines Gehirns.

Hendrix: Imago unterstützt Ihre Hirngesundheit, ja Sie heilen Ihr Gehirn regelrecht selbst damit! Es gibt eine Sache, die ich wirklich nicht gerne sage, da ich ein Theoretiker bin: Imago ist ein praktischer "Skill", eine Fähigkeit; und es geht darum, diesen "Skill" zu erlernen. Tut man das, so wird man psychisch gesund. Tut man es nicht, wird man sich selbst so lange erforschen, bis man die Nase voll davon hat - wie es in der Analyse der Fall ist. Wie oft soll ich mich noch an meine Mutter erinnern, die starb, als ich sechs Jahre alt war? Wie soll mir das helfen, mit meiner Umwelt in Verbindung zu treten?

Psychoanalytiker wiederum würden Ihre Theorie kritisch sehen. Denken Sie denn, dass Ihre Methode tatsächlich für jedes Paar funktioniert?

LaKelly Hunt: Für jedes. Jedes Paar hat ein Hirn. Jedes Mal, wenn Sie Imago nutzen, verbessert sich Ihr Hirn. Am Ende können Sie sich immer noch scheiden lassen.

Hendrix: Aber ich denke, man kann schon sagen, dass sich Menschen, die den ganzen Imago-Prozess gemeinsam durchlaufen, am Ende nicht scheiden lassen. Das Grundproblem bei traumatisierten Personen, aber eigentlich bei allen Menschen ist ja die Angst. Sie ist in der Kindheit entstanden, als die Verbindung zur Umwelt durch irgendeine Form von Negativität unterbrochen wurde - sei es durch einen Menschen, durch Krieg oder eine Naturgewalt. Diese Unterbrechung der Verbindung führt dazu, dass man sich zurückzieht und erst wieder hinter seinem Schutzpanzer hervorkommt, wenn man sich sicher fühlt.

Die Struktur des Dialogs schafft diese Sicherheit. Sie ist eine Möglichkeit, die Angst zu regulieren. Unser Hirn kann sich in das "Ich weiß, was jetzt kommt" hineinentspannen. Darum muss sich ein Paar bei Imago auch so streng an das System halten; man kann nicht wie bei der Analyse irgendwohin gehen, denn das ruft nur noch mehr Angst hervor.