LaKelly Hunt: Freud vermaß das Innenleben, wir vermessen den Raum dazwischen. Harville ist ein Meister darin, Dinge zu vereinfachen. Mir gefiel ein Satz von Harville eben besonders gut: "Ein Paar muss das System lernen, und dann sind beide sicher." (Zu Harville:) Nicht wahr, so ungefähr hast du es gesagt? Jeder lernt im Straßenverkehr, dass rotes Licht stehen bleiben heißt und das grüne, man kann die Straße überqueren. Diese Dinge muss man einfach lernen, oder man wird getötet. Es ist so einfach: Ein Paar muss einige wenige Dinge lernen, dann können sie die Straße sicher überqueren und werden nicht von einem Auto oder dem Partner getötet. (lacht) Wir finden ohnehin, dass Paare, die heiraten, einen Heiratsschein ähnlich dem Führerschein machen sollten.

Hendrix: Daran arbeiten wir . . .

LaKelly Hunt: Das Vereinfachen! Ich finde es so besonders, dass Harville eine simple Methode gefunden hat, die das Leben in Beziehung erlernbar und lehrbar gemacht hat.

Die Art und Weise, wie Sie Imago beschreiben, klingt für mich ein bisschen wie eine Religion. Verfolgen Sie auch eine religiöse oder spirituelle Mission mit dem Imago-Konzept? Zumindest in Ihren Biographien zeigt sich, dass Sie beide sowohl Psychologie als auch Theologie studiert haben; Sie, Mr. Hendrix, haben sogar einige Jahre als baptistischer Prediger gearbeitet, während Sie, Mrs. LaKelly Hunt, schon als junge Frau in Ihrer Heimatgemeinde aktiv waren und später ein Buch zu "Feminism and Faith" publizierten.

Hendrix:Wir würden sagen, dass alle Religionen darüber sprechen, worüber wir sprechen - und das ist Verbindung. Außer, dass die Religionen diese als vertikal ansehen: Gott ist oben, der Mensch darunter. Wir sagen, die Verbindung ist vor allem eine horizontale, denn es ist die Verbindung zum Partner, die einen in Berührung mit dem Göttlichen bringt. Du kannst nicht alleine zum Göttlichen kommen. Man kann nur vom Lokalen zum Spirituellen gehen. Daher ist alles gleichzeitig psychologisch und theologisch.

LaKelly Hunt: Als Harville und ich das erste Mal über diese Dinge sprachen, sagte ich zu ihm: "Oh, Harville, das ist Martin Buber." Zwei Personen bewegen sich von der Ich-Es-Beziehung zur Ich-Du-Beziehung. Ich bin hier, um deine Bedürfnisse zu befriedigen, und du bist hier, um meine Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn das der Fall ist, sagt Buber, beginnt die universelle Energie der Liebe zu fließen. Ich sehe das Imago-System als Inkarnation von Bubers Aussagen.

Hendrix: Es ist interessant, dass viele Paare, die nicht spirituell sind, aber durch Imago hindurchgehen, bei der Spiritualität landen. Paare, die eher streng reli- giös waren, werden hingegen weniger streng religiös, denn etwas an dieser Art von Verbindung transzendiert Rituale, Liturgie und Glauben. Denn hier passiert wirklich etwas, man braucht also keinen Ersatz mehr.