"Wiener Zeitung": "Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend" lautet der Titel ihres Buches. Was hat Sie denn am Alkohol gestört?

Susanne Kaloff: Als Jugendliche gehört es dazu, dass man durch den Alkohol eine andere Persönlichkeit bekommt. Man ist jung und interessiert sich für Jungs - oder Mädchen - und hat Hemmungen. Alkohol dient also dazu, Sachen zu machen, die man sich ansonsten nicht traut. Es ist ein Schutzschild. Später stellt man das nicht mehr in Frage. Ich habe immer wieder betrunken Dinge gesagt oder getan, die ich eigentlich gar nicht sagen oder tun wollte. Die berühmte nächtliche SMS an den Exfreund zum Beispiel.

Warum haben sie beschlossen, dass es mit dem Alkohol reicht?

Ich wollte wissen, warum ich diesen Schleier brauche, diese Fassade. Ich erinnere mich, dass ich mit Freundinnen in einem guten Restaurant saß. Wir bestellten eine Flasche Wein, dann die zweite. Es ging weiter mit Gin Tonics in einem Club. Ich bin mit meinem Absatz umgeknickt und hingefallen. Natürlich kann das auch nüchtern passieren. Aber ich wäre anders gefallen. Ich hatte am nächsten Tag ein blaues Auge. Ich habe mich vor mir selber geschämt. Meine Freunde fanden es im Nachhinein lustig. Ich nicht - und beschloss, besser auf mich zu achten. Es vergingen aber noch Monate, bis ich mich dann plötzlich entschlossen habe, nicht mehr zu trinken.

Wie kam es dazu?

Ich saß wieder mit Freundinnen beim Essen, hatte ein Glas Wein getrunken und der Kellner fragte, ob ich noch eines möchte. Und ich dachte plötzlich, der Moment ist doch so schön, warum trinken wir dann immer weiter. Meine Entscheidung war die Summe vieler solcher Erlebnisse. Das unterscheidet mein Buch von dem einer ehemaligen Alkoholikerin: Ich war eine klassische Lifestyle-Trinkerin und ich glaube, fast jeder kennt solche Situationen. Ich beschloss also damals, kein zweites Glas zu bestellen und habe seitdem nie wieder Alkohol getrunken. Das ist jetzt drei Jahre her.

Finden Sie es einfacher, komplett zu verzichten, statt nur selten zu trinken?

Ja. Das hat gar nichts mir Charakterschwäche zu tun. Alkohol ist nun einmal eine Substanz, die stark abhängig macht. Und das tut sie auch, wenn man nur einmal pro Woche trinkt. Eine klare Linie ist einfacher. Auch weil es beim Alkohol so viele Gelegenheiten gibt. Wann sagt man Nein und wann Ja? Wenn man sich vornimmt, nur ab und zu zu trinken, wird es meistens immer mehr.

Frauen trinken heute fast so viel wie Männer. Hat unsere Haltung zum Alkohol auch mit Emanzipation zu tun?