In Ihrem - noch nicht veröffentlichten - Buch vergleichen Sie die unterschiedlichen Fleischsorten.

Mein Lieblingsbeispiel ist das Schwein. Es ist uns in vielerlei Hinsicht ähnlich: Es hat als Allesfresser ein ähnliches Gebiss und eine ähnliche Physiognomie. In den späten Siebzigern hat man allen Ernstes darüber nachgedacht, Schweineorgane in Menschen zu transplantieren, weil sie den menschlichen in Größe und Form so ähnlich sind. Schweine sind in unseren Regionen die ideale Ergänzung zu unserer Lebensweise, weil sie dasselbe essen wie wir, oder vielmehr die Reste. Wir geben ihnen, was wir nicht mehr essen wollen - und sie verwandeln es in Schnitzel. Das kann man diesem Tier nicht hoch genug anrechnen. Schweine haben allerdings zwei Nachteile: Sie sind nicht gut zu Fuß - und sie brauchen sehr viel Wasser. Das ist der Grund, warum alle klassischen Nomadenkulturen des Mittleren Ostens Verächter des Schweinefleischs sind: Es ist für diese Gegend nicht geeignet. Speisetabus in Religionen rühren nicht daher, dass man für Gott auf etwas sehr Gutes verzichtet. Das wären eher die heutigen Bobos, die für die Rettung des Planeten auf Schweinefleisch verzichten. (Lacht.) Geschichtlich gesehen entstehen diese Verbote eher so, dass man sich fragt: Was essen wir ohnehin nicht, was essen die anderen? Erst dann sagt man: Gott will nicht, dass wir das essen..

"Wir haben uns hierzulande nicht zu Schnitzelfressern entwickelt, weil wir so gerne Schnitzel essen, sondern weil wir in einer Schweinegegend leben." - © APA/Günter R. Artinger
"Wir haben uns hierzulande nicht zu Schnitzelfressern entwickelt, weil wir so gerne Schnitzel essen, sondern weil wir in einer Schweinegegend leben." - © APA/Günter R. Artinger

Das Schnitzel als unser Schicksal?

Genau. Wir haben uns hierzulande nicht zu Schnitzelfressern entwickelt, weil wir so gerne Schnitzel essen, sondern weil wir in einer Schweinegegend leben. Die Entscheidung, was man isst, war zu allen Zeiten davon bestimmt, was da war. Und es war nie genug da. Im europäischen Mittelalter war jedes dritte Jahr ein Hungerjahr. Das hängt mit den Wetterzyklen zusammen. Wenn aus irgendeinem Grund noch ein zweites und drittes Jahr mit schlechter Ernte dazukommt, dann gab es Hungersnöte und Seuchen, weil die Menschen ein geschwächtes Immunsystem hatten. Unser Hauptproblem war immer, dass wir nicht genug zu essen hatten.

Und heute haben wir zu viel?

Ja, und der Grund, warum wir heute alle zu "blad" sind, ist, dass wir alle von Vorfahren abstammen, die diese Hungersnöte überlebt haben. Wir speichern. Wenn wir Bildnisse aus der Zeit des Mittelalters anschauen - man denke an Albrecht Dürers Selbstporträt -, dann waren das ganz zarte, ausgemergelte Menschen. Es ist kein Zufall, dass im Barock dann diese körperliche Üppigkeit in der Kunst ausgestellt wurde. Da ging es um ein Ideal, eine Wunschvorstellung. Wir dürfen nicht vergessen, dass das auch bei uns nicht lange her ist. Noch meine Eltern, die vor dem Krieg geboren wurden, haben als Kinder gehungert.