"Wiener Zeitung": Herr Professor Kampits, als ich Sie kontaktiert habe, wen Sie sich als seelenverwandten Gesprächspartner wünschen, haben Sie sich für den Maler und Fotografen Manfred Bockelmann entschieden. Das hat sicher gute Gründe . . .

Peter Kampits: Die Art und Weise, wie er malt und wie er sich zu dieser Malerei äußert, hat mich auf Anhieb angesprochen. Kennengelernt haben wir einander bei den "Carinthischen Dialogen" auf Schloss Bach. Dann folgten Einladungen auf seinen wunderschönen Besitz in Kärnten, wo ich nicht nur viele seiner Bilder sehen konnte, sondern wir zugleich auch beim gemeinsamen Tennisspielen, Schwimmen und Wandern gemeint haben, da schwingt etwas.

Manfred Bockelmann: Als ich Peter als Vortragenden bei den Carinthischen Dialogen gehört habe, ist mir sofort diese Freiheit des Denkens aufgefallen, unabhängig davon, ob das jetzt hundertprozentig in das Milieu hineinpasst oder nicht, was teilweise auch an den Reaktionen des Publikums abzulesen war. Das hat mir ungemein gefallen. Ich bin ein harmoniesüchtiger Mensch, das ist mir leider mitgegeben, vielleicht durch die Erziehung oder ich glaube eher durch Ängste, die ich mein ganzes Leben hatte. Vielleicht bin ich auch deshalb Künstler geworden, um diese Ängste loszuwerden. Nun einem Menschen zuzuhören, der gerade heraus sagt, was er denkt, hat mir enorm imponiert. Abgesehen davon war die gegenseitige Sympathie vom ersten Moment an da.

Aus Bockelmanns Zyklus "Malerei der Stille", Öl auf Leinwand, 2008. - © M. Bockelmann
Aus Bockelmanns Zyklus "Malerei der Stille", Öl auf Leinwand, 2008. - © M. Bockelmann

Frei heraus zu seinen Ansichten zu stehen, bringt nicht immer nur Freunde . . .

Kampits: Ist aber ungeheuer wichtig und parallelisiert sich mit der Freiheit der Kunst, nämlich einer Freiheit, die unabhängig ist von gesellschaftlichen oder politischen Zwängen. Aber da war noch etwas, das mich an Manfred beeindruckt hat: Schweigen können. Ich denke dabei an seinen Bilder-Zyklus "Malerei der Stille", da ist nichts Lautes dabei. Ebenso ergriffen war ich von den Werken, die er mir bei unserer letzten Begegnung auf seinem Hof gezeigt hat, nämlich Bilder seiner Ausstellung "Zeichnen gegen das Vergessen".

Herr Bockelmann, in Ihrem Zyklus "Zeichnen gegen das Vergessen" holen Sie Kinder und Jugendliche, die im KZ dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind, aus der Anonymität und geben ihnen ein Gesicht. Es sind großformatige Kohlezeichnungen, die unmittelbare Betroffenheit erzeugen. Was war die Vorlage zu diesen Porträts?

Bockelmann: Als Vorlagen dienten erkennungsdienstliche Fotografien der damaligen Behörden, die nach der Deportation der Kinder und Jugendlichen gemacht wurden. Nach dem Einmarsch der Alliierten haben die Nazis ja versucht, alle Beweismaterialien zu vernichten - sie haben etliches verbrannt, aber nicht alles.