"Als Philosoph renne ich der Wahrheit gewissermaßen hinterher und stehe letztlich vor dem Schweigen. Die großen Philosophen wie Wittgenstein oder Heidegger enden alle irgendwo im Schweigen." Peter Kampits - © Robert Wimmer
"Als Philosoph renne ich der Wahrheit gewissermaßen hinterher und stehe letztlich vor dem Schweigen. Die großen Philosophen wie Wittgenstein oder Heidegger enden alle irgendwo im Schweigen." Peter Kampits - © Robert Wimmer

Kampits: Für mich ist das eine stille und ungeheuer beeindruckende Form von Vergangenheitsbewältigung. Ich kann mich erinnern, dass ich bei der Heimfahrt ebenfalls ganz still war.

Bockelmann: Ich denke, über dieses Thema kann man schwer sprechen, weil es so emotional ist, da kann man sehr viel Falsches sagen, somit ist es oft besser, man schweigt. Meine Herangehensweise an dieses Thema ist überhaupt nicht verschlüsselt. Es gibt viele Künstler, die über den Holocaust arbeiten, aber als Betrachter wird einem das gar nicht sofort bewusst. Sie versuchen das Thema so anzugehen, dass die Leute nicht gleich einen Schock kriegen. Ich habe einen anderen Weg genommen, ich wollte, dass jeder sofort erkennt, worum es geht, indem ich Porträts von Menschen zeige, kurz vor dem Martyrium.

Wenn man ein solches Porträt betrachtet, denkt man sich, das ist ein schönes Gesicht, ist vielleicht irritiert, weil es so ernst ist. Diese Gesichter wissen nicht, was mit ihnen passieren wird, sind noch nicht misshandelt worden, aber wir wissen, was mit ihnen geschehen ist - und das ist grauenvoll. Zu jedem Porträt gibt es einen Namen, ein Alter und eine kurze Biographie, die dann in Auschwitz endet, das reicht an Information.

Sie sind beide in etwa der gleiche Jahrgang, 1942 bzw. 1943 geboren. Welche Rolle spielt der Zweite Weltkrieg in Ihrer persönlichen Erinnerung?

Kampits: Ich habe in Niederösterreich die russische Besatzung erlebt, da hat sozusagen eine Gewalt die andere Gewalt überlagert, aber persönlich war ich dadurch nicht geschädigt. Dann ist mir allerdings in dieser ganzen österreichischen Aufarbeitungsgeschichte diese Ambivalenz aufgefallen und ich habe mich gefragt: Wo ist Lüge, wo ist Wahrheit? Kann man auf philosophischem Gebiet eine Annäherung an die Wahrheit erreichen? Das Interessante war, bei Manfreds Bildern hatte ich den Eindruck, das ist wie eine Evidenz, hier ist eine Wahrheit, die ich sprachlich, gedanklich und philosophisch gar nicht artikulieren kann. Als Philosoph renne ich der Wahrheit gewissermaßen hinterher und stehe letztlich vor dem Schweigen. Die großen Philosophen wie Wittgenstein oder Heidegger enden alle irgendwo im Schweigen. Es gibt Dinge, die nicht gesagt, nur gezeigt werden können, und das Zeigen kann er. Ich kann es nur abstrakt machen, er konkret.

Bockelmann: Von einem bildenden Künstler kann man nicht erwarten, dass er über seine Themen auch sprechen kann, weil er sich für das Bild als Ausdrucksform entschieden hat. Genauso wie die Musik ist das Bild ein Ausdrucksmittel, das außerhalb der Sprache ist und somit auch grenzüberschreitend und auf der ganzen Welt nachempfunden werden kann.

Kampits: Nietzsche hat einmal gesagt, wir haben die Kunst, um nicht an der Wahrheit zugrunde zu gehen. Wobei man dazu sagen muss, Nietzsche war ja auch verrückt, Philosophen sind überhaupt verrückt, die Maler ein bisschen weniger. Ich beneide dich in gewisser Weise um das Handwerkliche in deinem Schaffen. Ich hätte so gerne in meinem Leben etwas Handwerkliches gemacht. Der Philosoph versucht sich der Wirklichkeit auf abstrakte Weise anzunähern, aber das Handwerkliche selber, das Verwirklichen am Werk, das fehlt ihm. Bei Heidegger gibt es dieses schöne Beispiel von Van Goghs Gemälde "Ein Paar Schuhe", anhand dessen er unseren Bezug zur Erde und zur Welt zeigt. Das Welteröffnende hat meiner Ansicht nach die Kunst eher als wir. Auch in dieser Hinsicht hinken wir hinterher.