Ein Bild aus Manfred Bockelmanns Serie "Zeichnen gegen das Vergessen", bei einer Ausstellung in New York 2018. - © M. Bockelmann
Ein Bild aus Manfred Bockelmanns Serie "Zeichnen gegen das Vergessen", bei einer Ausstellung in New York 2018. - © M. Bockelmann

Bockelmann: Es gibt in der Philosophie Gedanken, die für Künstler sehr inspirierend sind. Ich beneide die Philosophen wiederum für ihre Fähigkeit, die Dinge zu analysieren. Zugleich bin ich unglaublich dankbar, dass ich mit meinen Händen etwas Bleibendes schaffen kann. Ein Gedanke, den man hat, kann sich am nächsten Tag unter Umständen schon verflüchtigt haben. Für mich sind die Bilder, die ich mache, eine Spur, die ich hinterlasse, nicht für andere, sondern für mich selber. Ich möchte eine Spur hinterlassen, weil ich jetzt in einer Phase meines Lebens bin, wo ich das Gefühl habe, die Zeit rast mit unglaublichem Tempo dahin, ständig feiert man Geburtstag oder Weihnachten. Ich weiß nicht, wie es dir dabei ergeht, Peter, aber ich meine, du hast das geschriebene Wort - ein Buch in die Hand zu nehmen, ist etwas Göttliches und zugleich die Spur, die du hinterlässt . . .

Kampits: Das stimmt schon, nur verändert das Wort die Wirklichkeit mehr in der Deutung, als die Kunst es tut. Aber weil du das Thema Vergänglichkeit angesprochen hast: In meinem Alter wird alles mühsam, die Altersbeschwerden kommen dazu, als Philosoph müsste man sich in Gelassenheit üben. Manfred, wie gehst du damit um?

Bockelmann: Um ehrlich zu sein, es ist sehr schwer mit dem Älterwerden, auch wenn ich das, vor allem in Gesellschaft, nicht zugeben möchte.

Kampits: Wie du siehst, bin ich ja noch halbwegs beweglich, sozusagen in Abwandlung von Descartes: Ich gehe, also bin ich! Aber was mich interessieren würde: Denkst du beim Malen oder beim Herstellen deiner Objekte an die Vergänglichkeit und an den Tod?

Bockelmann: Der Tod spielt bei mir eine zentrale Rolle - gerade auch im Zusammenhang mit dem Zyklus "Zeichen gegen das Vergessen". Dadurch hat sich für mich ein anderer Zugang zur eigenen Vergänglichkeit ergeben. Dass Kinder, die eigentlich noch gar nicht richtig gelebt haben und ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hätten, ermordet wurden - solche wunderbaren Gesichter und dann dieses Ende -, angesichts dessen sage ich mir jetzt: Reiß dich zusammen, du hast ein tolles Leben, hast alles gehabt und darfst keine Sekunde darüber nachdenken, dass du auch stirbst, du musst dankbar sein. Hinzu kommt, der Tod ist ein enormes Motiv, diese Traurigkeit, die wohl jeder Mensch hat, zu wissen, wir werden irgendwann nicht weiterdenken, weiterfühlen, einfach verschwinden. Ich empfinde das mittlerweile eher als Trost, weil das Leben ist anstrengend, auch wenn es schön ist. Am Abend fallen wir erschöpft ins Bett und irgendwann hört das alles auf. Das ist in Ordnung so.

Herr Professor Kampits, in einer Ihrer Vorlesungen, die Sie zum Thema "Tod" gehalten haben, ist mir ein Satz des französischen Philosophen Gabriel Marcel in Erinnerung geblieben: "Einen Menschen lieben, heißt ihm sagen: Du wirst nicht sterben." Empfinden Sie es als tröstlich, sich auf philosophischem Wege mit dem Tod auseinanderzusetzen?

Kampits: Es ist ein schöner, aber zugleich auch resignativer Gedanke, denn die Wirklichkeit des Sterbenmüssens bleibt davon unberührt. Nicht weniger schrecklich wäre der Gedanke, unsterblich zu sein, also wenn sich das Leben noch einmal wiederholen würde.

Bockelmann: Wenn jemand sagen würde, du wirst ewig leben, würde ich in die totale Depression verfallen.

Kampits: Die ewige Wiederholung des Gleichen, wie Nietzsche sagen würde. Ich meine, dieses Rätsel können wir nicht lösen. Ich persönlich glaube zwar nicht an einen persönlichen Gott im Sinne der katholischen oder einer anderen Kirche, aber irgendwo eine lenkende Hand muss es in diesem ganzen Wirrwarr des Universums geben, was immer das ist . . .