"Wiener Zeitung": In der Laudatio zur Verleihung des Staatspreises für Literaturkritik meinte Manfred Müller, dass man in Ihrem halbstündigen TV-Interview mit Peter Handke aus dem Jahr 2016 mehr über den nunmehrigen Nobelpreisträger erfahren kann als in den rund 1000 Seiten, die seit Oktober über ihn geschrieben wurden. Waren Sie, die Sie Handkes Reaktionen also gut kennen, von etwas in den letzten Wochen überrascht?

Katja Gasser: Ich muss vorausschicken, dass ich mich keineswegs als Handke-Expertin sehe. Ich habe einiges von ihm gelesen, ihn einige Male getroffen, das macht mich noch nicht zur Expertin . . .

. . .aber nur wenige haben – medial – so intensive Gespräche mit ihm geführt. . .

Ja, daher hat mich auch nichts in den letzten Wochen wirklich überrascht. Ich finde aber, dass die sogenannte Debatte in eine fatale Richtung läuft. Denn man hat ja inzwischen das Gefühl, man müsse sich entscheiden, entweder für "die Opfer" oder für Peter Handke zu sein!

Katja Gasser in einem ORF-Gespräch mit Peter Handke. - © ORF
Katja Gasser in einem ORF-Gespräch mit Peter Handke. - © ORF

Germanisten wie Klaus Amann oder Klaus Kastberger, die wirkliche Handke-Kenner sind, oder Autoren wie Daniel Wisser oder Teresa Präauer zu unterstellen, sie würden sich durch die Solidarisierung mit Handke gegen die Opfer des jugoslawischen Bürgerkriegs stellen, ist absurd und infam.

Kann man sagen, ab wann die Debatte aus dem Ruder gelaufen ist?

Wir führen sie ja nicht zum ersten Mal. Und es zeigt sich, dass sich immer ab einem gewissen Punkt eine Art kriegstreiberische Dynamik einstellt, die mit der Sache, um die es geht, nur mehr sehr entfernt zu tun hat. Mir ist nun gar nicht daran gelegen, Peter Handke seinerseits zu einem "Opfer" zu stilisieren. Er hat selbst zu den Vorwürfen Stellung bezogen, er hat sich (…) zu den eigenen "Verirrungen", die er auch als solche benennt, geäußert – sowohl literarisch als auch außerliterarisch. Er braucht keine Verteidiger, sein Werk spricht für sich. Dennoch: Er, der schon früh in seinem Werk hervorgehoben hat, auf Seiten der Opfer zu stehen, muss sich die Frage gefallen lassen, wie er sich zu den muslimischen Opfern, etwa von Srebrenica, verhält, die sich von seinen Annäherungen an das Thema offenbar verraten und verletzt fühlen.