Alte weiße Männer sind überhaupt die allerschlimmsten! (Lacht.) Im Ernst: Das wäre eine unglaubliche Einschränkung für die Literatur. Darf ich nur mehr über mich und meinesgleichen schreiben? Darf ein Mann nicht mehr aus der Sicht einer Frau schreiben oder umgekehrt? Da hört sich die Literatur auf! Natürlich muss man es dürfen. Man muss aber so schreiben, dass derjenige, aus dessen Sicht man schreibt, sagen kann: Ja, das ist authentisch. Ich erinnere mich, als "Onkel Toms Hütte" plötzlich nicht mehr gelesen werden durfte. Das fand ich falsch. Literatur muss alles dürfen.

Wirklich alles?

Ich lege ein Buch weg, wenn ich antisemitische Nuancen spüre. Wahrscheinlich haben Betroffene immer das Recht zu sagen, das geht nicht. Wer betroffen ist, hat eine Sensibilität, die die anderen nicht haben. Und die muss man respektieren. Es reicht allerdings nicht, authentisch zu klingen. Während des Schreibens muss man zu der Person werden, die man beschreibt. Man muss sich ihre Gefühlswelt aneignen. Man muss ihr so nahe sein, dass es das Eigene sein könnte.

In Ihren Romanen gibt es viele Berührungspunkte mit Ihrem Leben - Sie wurden immer wieder gefragt, wie autobiografisch die Bücher sind.

Es hat mich immer geärgert, wenn Menschen denken, bloß weil man manches Autobiografische verarbeitet, sei alles real und erlebt. Es gibt etwas wie autobiografisierendes Schreiben, es ist ein Als-ob. Ich eigne mir eine Persona, eine Biografie, an und werde mit ihr identisch.

Haben Sie mit diesem Rätsel, was wahr ist und was nicht, auch gespielt? In "Das andere Gesicht" schreiben Sie: "Mir fehlte der Mut zur Erfindung" - und es gibt weitere solche Stellen in Ihren Büchern.

Natürlich habe ich damit gespielt, weil ich auch gesehen habe, dass es funktioniert.

In Ihren ersten Büchern kommen Männer nicht besonders gut weg, in späteren Romanen gibt es auch positive Beispiele. Hat sich etwas verändert im Verhältnis der Geschlechter?

Diskriminierung gibt es von beiden Seiten. Die jungen Männer leiden auch. Ich habe einen Sohn und finde, die jungen Frauen sind heute sehr selbstbewusst. (Lacht.) Einfach die Machtverhältnisse umdrehen, geht nicht.

Sie haben gerade den Adalbert- Stifter-Preis des Landes Oberösterreich bekommen. Zu Ihrer Heimat scheinen Sie ein gespaltenes Verhältnis zu haben.

Das ist biografisch erklärbar. Ich bin hier in den fünfziger Jahren aufgewachsen. Das war nicht lustig.

Warum?

Es war eine sehr repressive Zeit. Die NS-Zeit war noch sehr nah und die meisten hatten Dreck am Stecken, aber es wurde nicht da-rüber gesprochen. Als sensibles Kind habe ich sehr früh gespürt, dass über etwas sehr Dunkles geschwiegen wurde. Es war eine bedrückende Atmosphäre. Die Kirche hatte noch viel Macht und ich ging in eine katholische Schule, das war für mich ziemlich schrecklich. Es gab von allen Seiten einen unglaublichen Zwang. Auch das Wirtschaftswunder war ein Zwang, der auf uns Kinder ausgeübt wurde, jedenfalls in der Unterschicht. Dieses Emporklettern-Müssen auf der gesellschaftlichen Leiter, das Repräsentieren-Müssen war bedrückend, wenn man gespürt hat, dass es zu Hause an allem fehlte. Auch die sozialen Hierarchien waren noch sehr rigide. Erst die Kreisky-Zeit eröffnete die Möglichkeit einer höheren Bildung für Kinder aus der Arbeiterschicht. Ich war Klassenbeste, aber mir hat der Direktor gesagt, für mich käme das Gymnasium nicht in Frage. Ich habe es dann trotzdem durchgesetzt, gegen die Skepsis und den Gehorsam meiner Eltern.