Heute sind die Chancen auf sozialen Aufstieg durch Bildung in Österreich wieder gesunken.

Da geht es wahrscheinlich auch um pragmatische Überlegungen. In meiner Familie bin ich die Einzige mit Doktorat - und ich verdiene von allen am wenigsten. Welche Aufstiegschancen hat man mit nur Matura oder einem geisteswissenschaftlichen Studium?

Das Aufwachsen in einer repressiven Umgebung war auch das Thema Ihres ersten Romans, "Die Züchtigung". Die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb damals, Sie hätten den Nerv der Zeit getroffen, weil es auch eine Abrechnung war mit der Generation davor. Was müsste ein Buch heute haben, um diesen Nerv zu treffen?

Ich weiß es nicht, weil ich den Zeitgeist nicht mehr verstehe. Wahrscheinlich müsste man einen Umwelt-Krimi schreiben.

Welche jungen Autoren lesen Sie?

Keine. (Lacht.) Ich möchte ja beim Lesen etwas dazulernen. Manche Shooting-Stars werden ziemlich überschätzt. Außerdem gibt es so vieles, was ich noch lesen will.

Sie haben einmal gesagt, zum Schreiben müssten Sie in den USA sein, da Sie in Linz keine Inspiration finden.

Ich wohne wieder hier und es ist angenehm, hier zu leben. Aber es gibt kein lebendiges kulturelles Biotop, wenig, das wirklich inspiriert. Vielleicht liegt es daran, dass wir hier in der Provinz sind, oder an der Saturiertheit und der Konsummentalität der Leute. Ich bin gerade aus Boston zurückgekehrt, ich liebe diese Stadt und ihre Lebendigkeit. Die Buchhandlungen sind voller Neuerscheinungen, man redet darüber. Meine Dankesrede für den Stifter-Preis habe ich in Boston in einem Kaffeehaus geschrieben.

Wie erleben Sie als Jüdin den gestiegenen Antisemitismus?

Der Antisemitismus war immer da. Es kamen nur neue Facetten hinzu, von links, vom politischen Islam. Ich persönlich habe keine Angst um mich, höchstens um meinen Sohn.

In Ihrem jüngsten Roman, "Die Annäherung", thematisieren Sie den Zweiten Weltkrieg und Fragen der Schuld.

Ich höre oft aus dem Publikum bei Lesungen, das Thema sei doch schon genug behandelt worden. Dann frage ich: Wissen Sie, wie alt Anne Frank heute wäre? (Anne Frank, die Autorin des "Tagebuchs der Anne Frank", wäre heute 90 Jahre alt, wenn die Nationalsozialisten sie nicht ermordet hätten, Anm.). Das ist alles nicht lange her! Sie könnte heute unter ihren Kindern und Enkelkindern Pessach feiern. Sie hätte wahrscheinlich eine Karriere als Schriftstellerin gemacht.