"Wiener Zeitung": Sie sind zwar Philosoph, aber eben auch promovierter Physiker. Der Klimawandel ist, jedenfalls wenn es um die Frage der Energieerzeugung geht, im Kern ein physikalisches Problem. Wie betrachten Sie diese, unsere Gesellschaft derzeit beherrschende Klimadebatte?

Rudolf Burger: Natürlich bewegt mich diese Frage, aber ich muss sagen, dass ich mir noch keine wirklich strukturierten Gedanken dazu gemacht habe. Ich habe lange Zeit an der Behauptung der menschgemachten Erderwärmung Zweifel gehabt, und habe sie noch. Eben, weil es so viele Hysterisierungsinteressen gab und gibt, politische wie pseudo-politische. Wenn aber die These, dass die Erderwärmung wirklich anthropogen ist, verursacht durch die Industrialisierungsprozesse, und wenn die Prognosen zu dieser Erwärmung richtig sind, dann halte ich das Problem für ziemlich unlösbar. Dann wird es wirklich zu katastrophischen Auseinandersetzungen kommen; das wird nicht zum Ende der Menschheit führen, aber zu schweren Verwerfungen.

Warum sind Sie davon überzeugt?

Weil die damit verbundenen Disproportionalitäten so enorm sind und nichts existiert, das so etwas wie eine planetarische Politik machen könnte.

Jetzt nicht, aber vielleicht doch irgendwann.

Man kann nie etwas ausschließen. Aber wahrscheinlicher ist, dass ein solches Global-Subjekt nur als Folge unvorstellbarer Katastrophen entstehen kann. Manche vergleichen die aktuelle Stimmung mit jener, die am Ende des Römischen Imperiums herrschte, als die Völkerwanderung die bestehende staatliche Ordnung zum Einsturz brachte. Ich halte das für keinen passenden Vergleich. Mich erinnert unsere aktuelle Lage eher an die Zeit des Spätmittelalters. Anlässlich der Debatten über das Phänomen von Greta Thunberg habe ich das Buch "Herbst des Mittelalters" des niederländischen Historiker Johan Huizinga aus dem Jahr 1919 wieder gelesen - nicht die Ankündigung eines Kommenden, sondern ein Absterben dessen, was dahingeht. Auch hier wird eine mentale Aufgeregtheit, eine ungeheure Orientierungslosigkeit beschrieben, die ich auch in unserer aktuellen Situation wiedererkenne; und diese wird noch von einer gleichzeitig atemberaubenden Dynamik in anderen Regionen der Welt, vor allem in Ostasien, ergänzt, während bei uns jede Zuversicht verschwunden scheint.

Als wir mit den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts konfrontiert waren, hatten wir noch eine ganz andere, viel zuversichtlichere Einstellung zum sozialen, vor allem zum technologischen Fortschritt. Das ist heute weg. In unserer Stimmung sollten wir deshalb bei Mediävisten um Rat fragen. Das Phänomen "Fridays for Future" trägt für mich Spuren der hochmittelalterlichen Kinderkreuzzüge. Dass Institutionen wie die UNO und reife Staatsmänner sich von einem 16-jährigen Mädchen belehren lassen, hätte bis vor Kurzem keiner zu prognostizieren gewagt, aber genau das hat es auch vor 800 Jahren schon gegeben.