"Nichts garantiert, dass der wissenschaftliche Fortschritt endlos weitergeht. Auch das Zeitalter der Kathedralen hatte einmal ein Ende." - Rudolf Burger. - © Andreas Urban
"Nichts garantiert, dass der wissenschaftliche Fortschritt endlos weitergeht. Auch das Zeitalter der Kathedralen hatte einmal ein Ende." - Rudolf Burger. - © Andreas Urban

Wie steht es um Ihre eigene Zuversicht hinsichtlich des technologischen Fortschritts?

Ich bin kein Experte, aber selbst wenn es wirklich möglich sein sollte, mit dem Ausbau von erneuerbaren Energieträgern den Klimawandel aufzuhalten, was ich persönlich bezweifle, selbst dann würde dies zu ungeheuren sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen führen. Nehmen Sie nur das kleine Beispiel der E-Mobilität: Eine radikale Umstellung vom Verbrennungsmotor auf Elektro-Antrieb hätte enorme Verwerfungen in der Produktionsstruktur zur Folge; das wichtigste Industrieland in Europa ist Deutschland, dessen wichtigste Branche wiederum die Auto-Industrie ist; ein E-Motor ist wesentlich einfacher zu bauen als ein Verbrennungsmotor, sie brauchen nicht einmal mehr ein Getriebe. Das allein wird große Konsequenzen haben, und dabei sind die Probleme mit den Batterien noch gar nicht angesprochen. Hier werden also riesige Veränderungen auf uns zukommen, viel größere, als wir uns jetzt bewusst sind. Hinzu kommen völlig neue Interessenswidersprüche und natürlich das, was man in der marxistischen Ökonomie den tendenziellen Fall der Profitrate nennt.

Was meinen Sie damit?

Nun, welche großen technologischen Innovationen sind denn in den letzten Jahrzehnten gemacht worden? Die waren allesamt, und ich rede jetzt in der marxistischen Terminologie, nicht im Bereich der Produktivkräfte, sondern in den Zirkulativkräften des Kapitals. Damit wird der Dienstleistungssektor technologisiert und automatisiert. Es gibt das in den 1950er und 1960er Jahren heftig diskutierte Buch "Die große Hoffnung des 20. Jahrhundert" des französischen Ökonomen Jean Fourastié, das sich mit der Zukunft des Arbeitsmarkts nach der Schrumpfung des landwirtschaftlichen Sektors und der steten Rationalisierung des industriellen Sektors beschäftigte.

Neben den klassischen Dienstleitungen sollte vor allem die stark wachsende öffentliche und private Verwaltung Arbeitsplätze für die Massen schaffen. Der tertiäre Sektor sollte also - dies die Hoffnung - die Arbeitsplatzverluste im primären und sekundären Sektor kompensieren. Doch jetzt setzt auch hier die Rationalisierung und Automatisierung an. Das wird natürlich zu einer enormen Erhöhung der Produktivität führen - und damit zu einer massenhaften Freisetzung von Arbeitskräften im tertiären Sektor. Hinzu kommt, dass abgesehen von Handy und Smartphone kaum wirklich neue Produkte entstanden sind, dafür erleben wir eine gigantische Aufblähung von allen Bereichen, die mit Werbung und Kommunikation zu tun haben. Und beides bewirkt Propaganda und Indoktrination in einem Ausmaß, von dem ein Goebbels nur träumen konnte. Reklame ist längst zum größten Industriezweig geworden - damit aber wird, könnte man sagen, die kapitalistische Produktionsweise tendenziell tautologisch.