Rudolf Burger: "Wir sollten uns auf die wirklich unmittelbaren Probleme konzentrieren, auf das, was jetzt ansteht." - © Andreas Urban
Rudolf Burger: "Wir sollten uns auf die wirklich unmittelbaren Probleme konzentrieren, auf das, was jetzt ansteht." - © Andreas Urban

Diese seit Langem befürchtete neue Massenarbeitslosigkeit wird allerdings vom Entstehen neuer Dienstleitungen aufgefangen. Zahlreiche Tätigkeiten, die früher unbezahlt und im Familienverbund - meist von Frauen - erledigt wurden, werden jetzt peu à peu zu bezahlten Berufen: in der Kinder- und Altenbetreuung, in der Körper- und Seelenpflege. Indem diese Tätigkeiten jetzt bezahlt werden, entsteht neue Kaufkraft, die wiederum den Wirtschaftskreislauf in Schwung hält.

Ja, die sogenannte Lebenswelt wird jetzt, wie es Jürgen Habermas formuliert, vom kapitalistischen System aufgefressen. Die Trennung von öffentlich und privat ist endgültig aufgehoben, alles wird zum Markt, alles wird Teil des Systems.

Als Sozialwissenschafter stehe ich oft fassungslos vor dem Erfindergeist der Ingenieure und Naturwissenschafter. Wir haben uns als Homo sapiens Möglichkeiten in die Hände gegeben, die noch vor wenigen Jahren und Jahrzehnten unvorstellbar waren: Nicht nur, dass wir zu Mond und Mars reisen, wir greifen in die biochemischen Strukturen des Lebens ein, entdecken die digitale Welt. Macht Sie das kein bisschen optimistisch?

Also "wir" fliegen nicht zum Mond und nicht zum Mars. Es sind einige wenige auf den Mond geflogen und vielleicht werden eines Tages einige auf den Mars reisen. Und das wird die Militarisierung des Weltalls bedeuten. Optimistisch macht mich das nicht. Die meisten Menschen müssen die Erkenntnisse der Wissenschaften auch "glauben", weil sie keine Möglichkeit haben, sie selbst zu überprüfen. Von daher passt auch die religiöse Begrifflichkeit, die beim Wort "Klimaleugner" deutlich wird, weil es sich hier meist um tiefe persönliche Überzeugungen handelt, die an Religionen erinnern.

Ich würde diesen Umstand zu einem Argument für meinen historischen Pessimismus machen, weil es die enormen Spannungen in unseren Gesellschaften aufzeigt. Niemals in der Geschichte waren die Disproportionen in den Möglichkeiten und Realitäten zwischen den einzelnen Menschen größer als in unserer Gegenwart. Wir haben Zentren des technologisch ermöglichten Luxus bei gleichzeitig existierenden Regionen des Elends in seiner krassesten Form. Und diese Disproportionen werden immer noch größer, gerade wenn so systemfremde Variablen mithineinspielen wie eine drohende Klimakrise.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Mein Pessimismus gründet darin, dass ich auf der einen Seite zu sehen glaube, wie ungeheuer stark unsere moderne oder postmoderne Welt in einzelnen Bereichen ist, aber wie fragil das ganze Gebilde andererseits ist. Nehmen Sie nur ein kleines Beispiel, das aber gut illustriert, was ich zu sagen versuche: Ich persönlich war ziemlich überrascht über den Ausbruch der jüngsten Unruhen in Chile. Dieses Land war in meiner Wahrnehmung nach dem Ende der Pinochet-Diktatur eines der stabilsten und reichsten Länder Südamerikas. Und auf einmal brechen wegen einer an sich lächerlichen Erhöhung der U-Bahn-Preise schwerste Auseinandersetzungen aus. Da erst hat sich die tatsächliche Ungleichheit in dem Land gezeigt, die zuvor durch eine Globalzahl von Wachstum und Wohlstand verdeckt war. Und so wie mit Chile ist es heute mit vielen Entwicklungen.

Oder denken Sie an die Angst vor einem Atomkrieg, die uns in den 1980er Jahren umtrieb: Auch heute sind die Waffenarsenale der Großmächte randvoll, aber niemand fürchtet sich mehr vor einem großen Krieg, obwohl nach wie vor die Apokalypse eine technisch realisierbare Möglichkeit ist.