Ist diese Möglichkeit für Sie als Pessimist ein tröstlicher Gedanke?

Ja, durchaus. Hier liegt eine Chance für den von Ihnen angeführten Erfindergeist von Ingenieuren und Wissenschaftern. Andererseits gibt es kein Naturgesetz, dass dieser auf immer fruchtbar bleibt.

Warum sollte er plötzlich erlahmen?

Ich weiß es nicht, ich sehe nur keinen Grund, warum er ewig weitergehen sollte. Denken Sie an das Automobil, das sich einerseits seit seiner Erfindung vor mehr als hundert Jahren enorm weiterentwickelte. Andererseits sind die Grundprinzipien bis heute völlig unverändert geblieben. Es bewegt sich nach wie vor im gleichen technologischen Rahmen. Wirkliche Sprünge in der technologischen Entwicklung lassen sich nicht vorhersagen. Wir müssen uns damit abfinden, dass Skepsis in beide Richtungen angebracht ist.

Aber handelt es sich beim technologischen Fortschritt nicht im Kern um eine Frage der Investition von intellektuellen und materiellen Ressourcen?

Das würde ich bezweifeln. Nichts garantiert, dass der wissenschaftliche Fortschritt endlos weitergeht. Auch das Zeitalter der Kathedralen hatte einmal ein Ende. Außerdem gibt es, und das sage ich als ehemaliger Naturwissenschafter, eben auch die Grenzen der Natur, die Naturgesetze. Es gibt ein Einspruchsrecht der Natur, wir können sie nicht beliebig manipulieren. Die Kernfusion ist ein Beispiel hierfür: Hier sind ungeheure Summen investiert worden, und trotzdem ist sie von einer flächendeckenden Anwendung weit entfernt. Bei der Kernspaltung bleibt das ungelöste Problem der Lagerung der Rückstände für eine Dauer von geologischen Zeitaltern. Das lässt sich nicht einfach wegforschen. Wegen dieser furchtbaren Ursprünglichkeit von Tatsachen habe ich bei futuristischen Spekulationen immer ein großes Unbehagen. Und das sage ich im vollen Bewusstsein der riesigen Fortschritte, die etwa im Bereich der Biowissenschaften ständig stattfinden. Aber wohin das führt, weiß kein Mensch. Vielleicht in einen "Menschenpark", wie das Sloterdijk genannt hat, vielleicht in das Zeitalter Frankensteins, in das alte Dahome oder das alte Mexiko.

Was also tun?

Seinen Garten bestellen, sagt Voltaire am Ende des "Candide". Wir sollten uns auf die wirklich unmittelbaren Probleme konzentrieren, auf das, was jetzt ansteht, auf die konkreten Bedrohungen und Gefahren. Eben weil es "die Menschheit" einfach nicht gibt. Jeder, der mit den Anliegen "der Menschheit" argumentiert, lügt, darüber sollte man sich im Klaren sein. Uns gibt es nur als zoologische Gattung, nicht aber als politisches Projekt. Was es sehr wohl gibt, sind politische Interessen, Leidenschaften, Gruppierungen - was da herauskommt, nennt man dann Geschichte.