Martin Schürz im Gespräch mit WZ-Mitarbeiterin Saskia Blatakes. - © Luiza Puiu
Martin Schürz im Gespräch mit WZ-Mitarbeiterin Saskia Blatakes. - © Luiza Puiu

In Ihrem Buch kritisieren Sie den politischen Einfluss, den sehr reiche Menschen haben.

Milliardäre haben andere Vorstellungen über Wirtschaftspolitik als der Rest der Bevölkerung. Und sie haben ein enormes Drohpotential. Wenn ihnen die Ausrichtung der nationalen Steuerpolitik nicht passt, können sie ihr Vermögen in Steueroasen verlagern. Das erhöht den Druck auf die Wirtschaftspolitik, sich nach den Wünschen der mächtigen Überreichen zu richten.

Die Reichen sind eben reich, das wird sich nie ändern - lautet eine gängige Meinung. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Vermutlich aus sehr persönlichen Gründen. Mein Vater war Fabriksarbeiter und hat sich oft sozial beschämt gefühlt. Vielleicht achte ich als Therapeut deshalb besonders auf soziale Scham - und als Ökonom auf Gefühle, die in der Volkswirtschaftslehre vernachlässigt werden.

"Die Gefühle sind der Schlüssel, um zu verstehen, warum das Reichtumsthema so aufregt", haben Sie mir in einer E-Mail im Vorfeld dieses Interviews geschrieben. Was meinen Sie damit?

Die Eigentumsverhältnisse sind extrem ungleich. Es gibt ganz wenige Menschen, die Milliarden haben. Aber es gibt ganz viele, die nichts haben. Für diese extremen Unterschiede gibt es keine rationale Rechtfertigung. Und die Ungerechtigkeit ist offensichtlich. Gefühlsmäßig kann man das aber anders empfinden. Dem Moralphilosophen und Ökonomen Adam Smith ist schon im 18. Jahrhundert aufgefallen: Die Armen bewundern die Reichen und verachten die noch Ärmeren. Daneben spielt auch die Furcht vor den Mächtigen oder die Angst vor einem Verlust von Eigentum eine wichtige Rolle. In der Philosophiegeschichte finden sich auch Gefühlszuschreibungen zu den Reichen, insbesondere zu deren Gier. Und in politischen Debatten ist oft von Neid auf die Reichen und einem vagen Begriff von Verdienst die Rede. Das macht das Thema faszinierend und vielschichtig.

Adam Smith hat auch geschrieben, dass die Reichen am meisten bewundert werden, wenn die Ungleichheit groß ist. Woran liegt das?

Ich denke, gegenwärtig liegt es daran, dass der Staat entscheidend geschwächt wurde. Öffentliches Vermögen ist in den letzten Jahrzehnten gesunken, während private Vermögen gestiegen sind. Der Staat verliert die Achtung der Bürger und Bürgerinnen, gleichzeitig ist die Bewunderung für Unternehmer wie Bill Gates groß. Es gibt viele Heldengeschichten über Milliardäre: Die seien deshalb so reich, weil sie so kühn, innovativ und risikoorientiert sind. Aber das sind die Alleinerzieherinnen oder Kleinstunternehmer in den ärmsten Ländern der Welt auch. Was leider zu oft und auch zu gerne vergessen wird, ist die Bedeutung von Erbschaften, die mit Leistung nichts zu tun haben.

Der französische Ökonom Thomas Piketty fordert in seinem neuen, bisher nur auf Französisch erschienen Buch "Capital et idéologie" einen Steuersatz von 90 Prozent auf Vermögen ab 2 Milliarden Euro. Würden Sie das befürworten?

Ja, das fände ich richtig. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Es gibt immer weniger Länder in der OECD mit Vermögenssteuern, und ein ganzer Industriezweig lebt davon, den Überreichen dabei zu helfen, ihr Vermögen auch noch gegen Besteuerung zu verteidigen.