"Der Staat verliert die Achtung der Bürger und Bürgerinnen, gleichzeitig ist die Bewunderung für Unternehmer wie Bill Gates groß." (Martin Schürz) - © AFP/Ludovic Marin
"Der Staat verliert die Achtung der Bürger und Bürgerinnen, gleichzeitig ist die Bewunderung für Unternehmer wie Bill Gates groß." (Martin Schürz) - © AFP/Ludovic Marin

Kritiker sagen, eine Vermögenssteuer - die es derzeit nur in sehr wenigen Ländern gibt - wäre Enteignung.

Enteignung ist hier der falsche Begriff. Enteignung unterstellt, dass es einen Naturzustand gibt, der über den Markt hergestellt wird. Aber Privateigentum entsteht überhaupt erst in einem sozialen Miteinander. Über das Zusammenspiel von Staat und Unternehmen hat die italienische Ökonomin Mariana Mazzucato geschrieben. Ein Unternehmer nutzt zum Beispiel Wissen, das mit staatlicher Forschungsförderung entstanden ist. Er braucht Autobahnen, um seine Waren zu transportieren, und einen Flughafen, um sie zu verschicken. Er stellt Fachkräfte ein, die an öffentlichen Schulen und Universitäten ausgebildet wurden. Er nutzt für seine Produkte Wissen, das mit staatlicher Forschungsförderung entstanden ist. Polizei und Gerichte sichern sein Eigentum rechtlich ab. Der Staat fördert also auch den Reichtum der Überreichen. Es stellt also keine Enteignung dar, wenn man sie besteuert, sondern es geht um die Aushandlung sozialer Verhältnisse.

Was wissen wir über die reichsten Menschen in unserem Land?

Zu wenig. Wir wissen viel mehr über die Mitte der Gesellschaft oder die Armen. In Österreich wäre ein Armuts- und Reichtumsbericht, wie er in Deutschland schon lange existiert, eine wichtige Neuerung. Und Transparenz bei den Daten zum Vermögen wäre die Voraussetzung für eine evidenzbasierte Politik und die Basis für Gerechtigkeitsdebatten.

Österreich gehört in Europa zu den Ländern mit der größten Vermögensungleichheit.

Da muss man differenzieren. Hohe Vermögensungleichheit heißt nicht unbedingt hohe Ungerechtigkeit. Das verwechseln viele. In Wien ist die Vermögensungleichheit etwa höher als am Land. Aber in Wien gibt es Gemeindebauten und Genossenschaftswohnungen. Die Menschen brauchen also kein Vermögen ansparen, um eine Wohnung zu kaufen. Sie haben Alternativen. Außerdem gibt es in Österreich kostenlose Kindergärten und vom Staat finanzierte Universitäten. Wenn man beurteilen will, wie gerecht ein Land ist, muss man sich wenigstens drei Faktoren ansehen: die Vermögen, die Einkommen und die Leistungen des Sozialstaates.

Einkommensreichtum und Vermögensreichtum werden oft vermischt.

Ein wichtiger Punkt. Egal, ob jemand viel oder wenig verdient, gibt es etwas Gemeinsames, die Arbeit. Beim Vermögen ist das nicht so. Die einen sparen ein wenig aus ihrem Arbeitseinkommen, andere erben beträchtliche Summen. Für die Vermögen der Überreichen fehlt außerdem zumeist die Vorstellungskraft. Großverdiener bekommen monatlich vielleicht dreißigmal mehr als Geringverdiener. Bei den Vermögen besitzen die reichsten Menschen, verglichen mit Angehörigen der Mittelschicht, fast das Millionenfache. Und das Vermögen sehr reicher Menschen zielt über den Tod hinaus. Damit können Familienprivilegien über Generationen gehalten werden.