Der deutsch-britische Hirnforscher John-Dylan Haynes gehört zu jener Gruppe von Neurowissenschaftern, die sich derzeit daranmachen, die Sprache des Gehirns zu entschlüsseln. Dylan-Haynes ist seit dem Jahr 2006 Professor für Theorie und Analyse von Hirnsignalen am Bernstein Center for Computational Neuroscience und am Berlin Center for Advanced Neuroimaging (BCAN) der Charité und der Humboldt-Universität zu Berlin. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihm am Rande des Mediengipfels in Lech, bei dem Dylan Haynes einen Vortrag hielt.

"Wiener Zeitung": Prof. Dylan Haynes, haben Sie Tipps für aktive Gehirnbenützer? Wie gebraucht man dieses Organ optimal?

John-Dylan Haynes: Vor einigen Jahren gab es ein Spiel auf der Nintendo-Spielkonsole, das hieß: "Kawashimas Gehirn-Jogging". Daraus ist eine ganze Hirntraining-Industrie entstanden. Heute wissen wir: Wenn ich Sudoku-Spielen trainiere, dann kann ich danach besser Sudoku lösen. Wenn ich Tetris trainiere, spiele ich dann besser Tetris. Für das Training der Gehirnleistung insgesamt eignen sich Spiele mit komplexer Handlungseinbettung, in denen man komplizierte Aufgaben bewältigen, viele Faktoren berücksichtigen und vernetzt denken muss. Wenn das ziemlich nach dem "Spiel des Lebens" klingt, dann ist das kein Zufall, schließlich sind wir auf die Bewältigung unseres Lebens am besten trainiert. Aber zurück zu Computerspielen: So ein komplexes Spiel wäre eine Art Crossfit fürs Gehirn im Vergleich zu - sagen wir - Hanteltraining. Wir wollen ja den Körper insgesamt stärken und nicht nur einzelne Muskelgruppen trainieren. Beim Gehirn ist es ebenso.

In welchen Bereichen unterliegt der moderne Mensch, was sein Gehirn angeht, den größten Irrtümern?

Die meisten von uns überschätzen ihre Multitasking-Fähigkeit phänomenal. Gleichzeitig unterschätzen wir, welche Auswirkungen es hat, wenn dort eine E-Mail aufblinkt und da eine WhatsApp-Nachricht piepst und tausend Dinge um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Sobald ich die Bearbeitung einer Aufgabe unterbreche, wird meine Aufmerksamkeit abgezogen. Das verursacht Kosten: Mental, aber auch, was die eigene Leistungsfähigkeit betrifft. Die Fehlerrate schnellt nach oben und wir arbeiten ineffizient. Stellen Sie sich das so vor: Sie haben den Schreibtisch mit Unterlagen für eine bestimmte Aufgabe vollgeräumt. Jetzt machen sie - nur mal schnell! - eine andere Aufgabe. Dazu müssen sie zuerst aber den Schreibtisch abräumen, um Platz für die Unterlagen, die sie sich für die neue Aufgabe zurechtgelegt haben, zu schaffen. So in etwa kann man sich auch unser Denken vorstellen. Das ist ineffizient und unproduktiv. Ich würde das übrigens auch nicht Multitasking nennen, sondern Task-Switching.