In Erfahrungsberichten oder Memoirs, die immer stärker auf den Buchmarkt drängen, werden diese persönlichen Geschichten auch für andere erzählt.

In der Memoir-Bewegung sehen wir, dass Menschen gerne über die individuellen Lebenslösungen von Menschen lesen. Memoirs, in denen Menschen über einen Aspekt ihrer Biografie schreiben (wie etwa Elizabeth Gilbert in "Eat Pray Love"), sind in den USA bereits beliebter als Romane. Wir bekommen von anderen, die ihre Geschichte aufschreiben, Anregungen für unser eigenes Leben. Und bekommen auch mehr Selbstvertrauen, selbst zu schreiben: Das Aufschreiben von Lebensgeschichten ist nicht mehr den Berühmtheiten vorbehalten, immer mehr unbekannte Autoren schaffen es mit ihrer Geschichte in die Bestsellerlisten.

Autobiografien waren früher ein Vorrecht von Stars und Patriarchen. Hat die Memoir-Bewegung auch mit Selbstermächtigung zu tun?

Es ist ein Prozess der Demokratisierung, weil wir alle unsere Stimme erheben können und nicht nur eine vorherrschende Sicht veröffentlicht wird. Tristine Rainer, eine Pionierin des Journal-Schreibens, meinte, dass wir durch das Schreiben unserer Geschichten auch zur Geschichtsschreibung beitragen, die Geschichten sind wie ein Patchworkteppich. Auch viele Teilnehmer in meinen Kursen sagen, dass sie durch das Schreiben tatsächlich "Autor" ihres Lebens werden, es gestalten und in die Hand nehmen.

Sie verwenden den Begriff des "roten Fadens" im eigenen Leben, den man durch das regelmäßige Schreiben erkennt. Wie meinen Sie das?

Der rote Faden führt einerseits in die Vergangenheit - wo komme ich her -, aber ich knüpfe ihn auch weiter. In der modernen Art des Tagebuchs blicke ich in die Zukunft. Wenn ich schreibend überlege, ist das wie ein Probieren von Möglichkeiten. Wenn eine Idee einmal geboren ist, kann ich sie auch verfolgen. Wenn ich sie aufgeschrieben habe, ist es noch wahrscheinlicher, sie zu verfolgen. Das regelmäßige Journal-Schreiben gibt uns ein Gefühl der Kohärenz, die wichtig für unsere psychische Gesundheit ist: Dass man sich wiedererkennt von früher bis heute, einen Kern in sich erkennt, der sich nicht verändert.

Das "Journal" als moderne Form des Tagebuchs ist in den vergangenen Jahren aus den USA zu uns gekommen. Was unterscheidet das Journal vom guten alten Tagebuch?

Das moderne Tagebuch ist ein Reflexionsraum, ein Entspannungsraum zum Kraftschöpfen. Hier kann man sich schreibend auf die Zukunft und Gegenwart konzentrieren, über Gefühle und die nächsten Schritte nachdenken. Das Tagebuch von früher ist eine Art Dokumentation des Erlebten. Es geht weniger darum, was sein wird. Das moderne Tagebuch wird in den USA schon lange auch als Tool für Lebens- und Berufsmanagement genützt.