In Ihrem Buch "Schreiben zur Selbsthilfe" beschreiben Sie das Journal auch als wirkungsvolles Mittel bei chronischen Krankheiten: Welche kann Schreiben gut unterstützen?

Menschen mit chronischen Krankheiten oder Leiden wie Krebs kann das Schreiben sehr helfen, weil ihnen zunächst die Worte fehlen. Durch das Schreiben kann ausgedrückt werden, was vorher nicht möglich war. Dann können auch wieder Gespräche mit Angehörigen geführt werden, da entsteht ja auch Schweigen. Wirkungen des expressiven Schreibens kann man unter anderem an verbesserten Werten des Immunsystems ablesen. Schmerzpatienten berichten von weniger Beschwerden nach Schreibsessions.

"Worte zu finden": Ähnelt das dem Phänomen, dass man mit Krankheiten leichter umgehen kann, sobald man eine Diagnose, also einen Namen für die Beschwerden hat?

"Naming is taming", heißt es. Etwas zu benennen, kann es zähmen, beim expressiven Schreiben kommt noch dazu: Man wechselt die Perspektive, bezieht den Kontext mit ein, lernt durch das Schreiben. Man bekommt ein komplexeres Bild. Wenn man das Erlebnis in die eigene Geschichte integriert, dann ist das sehr erleichternd. Man kann die Geschichte ruhen lassen. Man braucht keine Energie mehr für das Verdrängen, das kann psychisch und physisch entlasten.

Sie sagen, Schreiben tut allen gut. Gibt es Krankheitsbilder, bei denen Schreiben nicht die geeignete Form ist?

Es gibt auch Arten zu schreiben, die nicht so gut sein können. Bei posttraumatischer Belastungsstörung ist das freie Schreiben hinderlich, bei Depressionen führt es oft stärker ins Grübeln - man manövriert sich eher in alte Stimmungslagen hinein. In diesen Fällen ist es gut, wenn man sehr strukturiert schreibt und sich einen Zeitrahmen schafft. Die überwiegende Zahl der Studien belegt aber die positive Wirkung des Schreibens. Es kann bei Belastung gut helfen - die rechte und linke Gehirnhälfte werden verzahnt.

Seit wann wird Schreiben als Therapie eingesetzt?

Ein Teil der integrativen Therapie ist die Poesietherapie, aber auch in vielen anderen Therapieformen und Coachings werden Schreibmethoden eingesetzt. Bewährte Methoden sind Briefe, die nicht abgeschickt werden, innere Dialoge, Papiergespräche oder auch Listen. Wenn es bei depressiven Patienten darum geht, wie man den Tag übersteht, kann es auch helfen, jeden Tag drei Dinge aufzuschreiben, die einem Freude bereiten können.

Das erinnert an die Dankbarkeitstagebücher, die immer moderner werden.

Ja, mir ist das speziell im vergangenen Jahr aufgefallen. Es gibt Dankbarkeits- und Erfolgstagebücher, 6-Minuten-Tagebücher . . . Das sind alles tolle Anregungen für die ersten Schritte zum Schreiben. Keine Zeit zu haben ist keine Ausrede, es reichen auch schon wenige Minuten. Auch drei oder fünf Minuten schreiben kann unglaubliche Ergebnisse bringen, diese Erfahrung ist für viele magisch. Es ist wichtig, aus dem Schreiben ein Ritual zu machen, das man nicht missen möchte.

Was ist das "Magische" am persönlichen Schreiben?

Das Schreiben ist ein Möglichkeitsraum. In diesem Spielraum bin ich ganz bei mir - und kann auch wieder nach außen gehen. Es ist mein Raum, ein Stück entfernt von der Welt, aber so, dass ich mich mit der Welt auseinandersetzen kann. Es ist nie einsam, sondern der Versuch, sich mit der Welt zu verbinden. Beim Schreiben muss ich nicht das sozial Akzeptierte schreiben, sondern kann schreiben, was wirklich ist. Das ist extrem heilsam, da kommt man sich wirklich auf die Spur.