Wir leben in einem Zeitalter der gnadenlosen Selbstoptimierung. Von modernen "Pseudobeziehungen" ist die Rede, in denen das Gegenüber nur als Objekt gesehen wird, das möglichst perfekt zum eigenen Leben passen soll. Er oder sie soll die richtigen Hobbys, den passenden Kleidungsstil haben und auf Fotos in den Sozialen Medien etwas hermachen.

Das ist wirklich ein modernes Phänomen. Heute tappen viele Menschen in die Perfektionsfalle. Wann merke ich, dass es passt? Wann lasse ich mich wirklich auf jemanden ein? Diese Fragen zu beantworten, ist heute schwieriger als je zuvor.

"Die Zeiträume, in denen Menschen Single sind, werden definitiv länger. . ." - © Luiza Puiu
"Die Zeiträume, in denen Menschen Single sind, werden definitiv länger. . ." - © Luiza Puiu

Das ist auch eine Persönlichkeitsfrage. Es gibt Menschen, die ständig eine narzisstische Bestätigung brauchen und ihren Marktwert mit immer neuen Dates bestätigen wollen. Die trifft man aber online und offline, das Internet ist da nur ein Abbild der Realität.

Jemanden schnell abzuservieren ist definitiv leichter geworden, Stichwort "Ghosting" (= spurloses Verschwinden, Anm.).

Und wenn man auf der Suche ist, ist man in der Regel besonders verletzlich. Wir müssen uns dringend überlegen, wie wir miteinander umgehen möchten. Verbindlichkeit ist das große Thema unserer Zeit in Sachen Liebe. Und die meisten Menschen wollen Verbindlichkeit! Die meisten wünschen sich eine langfristige Partnerschaft.

Ich war beteiligt an einer Studie, in der es auch darum ging, was wir uns vom anderen erwarten. Der Wunsch ist extrem groß, dass uns der Partner auch in schwierigen Zeiten unterstützt, zum Beispiel, wenn wir einmal ernsthaft krank werden und jemanden brauchen, der uns pflegt. Oder was, wenn wir unansehnlich werden, oder humpeln? Wir reden hier vom realen Leben - und das kann alles passieren. Und ob es wirklich passt, merkt man, wenn man schwierige Zeiten miteinander erlebt. Jeder muss seinen Beitrag leisten.

Das Schöne: Ganz viele Österreicherinnen und Österreicher leben in sehr lange dauernden Beziehungen. Wichtig ist eine realistische Sicht der Dinge. Dass eine Beziehung nach zwanzig Jahren anders ist als nach zwei Monaten Hormonrausch, ist klar. Ein Zwanzigjähriger hat andere Sehnsüchte als ein erschöpfter Vierzigjähriger, der vielleicht seine Ruhe haben und endlich wieder einmal durchschlafen möchte. (Lacht.)

Miteinander lachen zu können ist übrigens auch sehr wichtig! Es wird immer etwas geben, das einen stört. Aber es geht um die Gewichtung: Halte ich das aus? Überwiegt das Positive? Werden permanent Grenzen überschritten? Oder gebe ich auf?

Die israelische Soziologin Eva Iliouz erforscht moderne Beziehungen und zeichnet ein düsteres Bild. Sie spricht von einer neuen kapitalistischen "Kultur der Lieblosigkeit": Beziehungen und Menschen werden konsumiert, als wären sie Dinge, die man benutzen und dann einfach wegwerfen kann.

Einer oder eine, der oder die sich nicht auf mich einlassen kann und will, wird sich höchstwahrscheinlich nicht ändern. Und es ist letztlich immer meine Entscheidung, ob ich dabei mitmache oder nicht. Es bringt nie etwas, jemandem nachzulaufen und etwas erzwingen zu wollen. Man sollte um seiner selbst willen geschätzt werden.