"Wiener Zeitung": Frau Sohst, erleben wir in Zeiten von Corona eine neue Epoche der Empfindsamkeit, wie das zuvor schon manche im Hinblick auf die #MeToo- und Genderdebatte behauptet haben?

Kathrin Sohst: Wir haben in der Vergangenheit zu sehr darüber hinweggesehen, dass menschliches Sein vielfältig ist. Nach einer stark rational geprägten "Epoche" war es nur eine Frage der Zeit, bis wir uns wieder nach mehr Feingefühl sehnen.

Haben sich insofern die Zeiten für hochsensible Menschen zum Besseren gewendet?

Ja, würde ich schon sagen. Was das Bewusstsein angeht, haben sich die Zeiten für hochsensible Menschen gewiss zum Besseren gewendet.

Sie wirken nicht völlig überzeugt.

Naja, wir befinden uns in einer krisengeschüttelten Zeit, wenn man ehrlich ist, auch schon vor Corona. Es ist höchste Zeit für mehr Sensibilität. Dennoch erlebe ich einen großen Graben zwischen dem Bewusstsein einerseits und dem gesellschaftlichen Umgang mit Sensibilität andererseits. Corona setzt da einen neuen Fokus und zeigt ganz klar: Alle Menschen sind sensibel und emotional, selbst die Hardliner. Doch selbst jetzt scheinen Sensibilität und Gefühle an sich keinen besonders großen Wert zu haben. Ich würde mir wünschen, dass wir beides in unser Sein und Handeln wieder reintegrieren.

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Selbst robustere Gemüter reagieren angesichts der Pandemie dünnhäutig. Wie erlebt man als Hochsensibler den Corona-Alltag?

Grundsätzlich gilt: Wer intensiver verarbeitet, was er erlebt, hat mehr vom Leben – im Schlechten wie im Guten. Zum einen sind hochsensible Menschen in solchen Zeiten stark gefordert. Aber sie profitieren auch in höherem Maße von der Schönheit der Natur oder kleinen Glücksmomenten. Grundsätzlich könnte man sagen: Hochsensible, die bisher wenig Strategien für sich entwickelt haben, sind nun anfälliger. Auch weil es vielen schwerfällt, zwischen den eigenen Empfindungen und jenen der anderen zu unterscheiden.Weil sie oft nicht nur mitfühlen, sondern mitleiden, ist es wichtig zu lernen, sich abzugrenzen. Anders ausgedrückt: Hochsensible müssen lernen, weniger empathisch zu sein. Denn sonst kann die Empathie zur Falle werden.

Klingt gut, aber auch verdammt schwer. Wie entkommt man der "Empathiefalle"?

Je sensibler und einfühlsamer ein Mensch ist, desto wichtiger ist es für ihn zu lernen, sich von anderen auch distanzieren zu können. Es gibt hochsensible Persönlichkeiten, die sich nicht mehr politisch informieren, weil dies zu viele Emotionen in ihnen auslöst. Wer sich aber für alles und jeden verantwortlich fühlt, tappt genau in diese Falle. Dabei ist es heute wichtiger denn je, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Denn sie verändert sich ja rasant – sei es durch Klimawandel, Digitalisierung oder eben jetzt Corona.

Reagieren junge Menschen genau deswegen nicht mehr empfindsam, sondern zunehmend empfindlich? Man wirft ja gerade den "Millenials" vor, fragil und wenig belastbar zu sein.

Über Jahrzehnte haben wir Verstand und logisches Denken trainiert, haben uns auf Leistung und Sachlichkeit fokussiert. Vernachlässigt haben wir dabei jedoch zwei Aspekte des menschlichen Seins: Körper und Emotionen. Der Mensch ist vor allem anderen ein emotionales Wesen aus Fleisch und Blut. Unsere Gefühle über die Schulung der Denkkraft zügeln zu wollen ist ein Trugschluss. Er führt dazu, dass Menschen so reagieren – wie Sie es ansprechen: empfindlich bzw. überempfindlich. Heutzutage scheint es mir daher wichtiger denn je, rechtzeitig auf die körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu achten. Ein ebenso simples wie elementares Beispiel sind Pausen, die janicht nur wir Erwachsenen benötigen, sondern auch unsere Kinder.

Aber die Welt erlaubt es doch gar nicht, zart zu sein! Gleich, ob Pausen einzulegen, Elektrosmog oder Baulärm: Keiner nimmt Rücksicht auf Hochsensible.

Da gebe ich Ihnen völlig recht! Elektrosensible beispielsweise wissen sich nicht anders zu helfen, als dorthin zu ziehen, wo sie von möglichst viel Natur umgeben sind. Am Beispiel Elektrosmog zeigt sich, dass Hochsensible eine Art Seismograf sein können. Wer intensiver verarbeitet, was er wahrnimmt, kann nun einmal schneller erspüren, wenn bestimmte gesundheits- und gesellschaftsrelevante Grenzwerte überschritten sind.

Demnach hätten Hochsensible eine hohe Bedeutung für unsere Gesellschaft. Ähnlich wie Kanarienvögel, die Bergleuten früher als Lebensretter dienten. Unter Tage spürten die Tiere als erste, wenn der Sauerstoff knapp wurde.

Nicht immer ist ein dickes Fell die beste Strategie - hier das Schaf Chris (vor seiner Rasur...) - © Reuters
Nicht immer ist ein dickes Fell die beste Strategie - hier das Schaf Chris (vor seiner Rasur...) - © Reuters

Ja, die feinen Antennen wirken hier wie ein Messinstrument. Dennoch halte ich es für entscheidend, dass das nicht mit einer höheren Wertigkeit gleichgesetzt wird. Mir missfällt nämlich, dass sich manche Hochsensible zu Rettern der Welt stilisieren. Auch ich habe eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass hohe Sensibilität lediglich ein Aspekt der Persönlichkeit ist. Doch dadurch, dass man sich auf ein Podest stellt, ist niemandem geholfen. Was wir stattdessen benötigen, sind gemeinsame Lösungen, die die Vielfalt der Welt berücksichtigen. Wir brauchen ein offenes Miteinander von höher und weniger Sensiblen.

Ihr erstes Buch mit dem schönen Titel "Zart im Nehmen" ist in mehrere Sprachen übersetzt worden, darunter auch Chinesisch. Was macht das Thema so populär?

Zum einen gelten neusten Erkenntnissen aus der Forschung zufolge bis zu 30 Prozent der Bevölkerung als hochsensibel, wir sprechen hier also nicht von einer kleinen, sondern vielmehr von einer großen Minderheit. Zugleich existiert jedoch nicht nur eine Spielart von Hochsensibilität, die Bandbreite ist enorm. Ein weiterer wesentlicher Grund für die Popularität ist: Wer sich dazu bekennt, hochsensibel zu sein, gesteht damit im gleichen Atemzug, Schwächen zu haben. Wer offen eingesteht, zart im Nehmen zu sein, setzt damit in einer Leistungsgesellschaft ein starkes Zeichen.

Es heißt, dass das sensible Gehirn anders "verdrahtet" ist.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht könnte man sagen, dass das Gehirn bei höher sensiblen Menschen Umgebungsreize tiefer verarbeitet, so dass sie eher im Bewusstsein landen. Wenn dieser Mensch nun bereits angespannt ist, löst jeder weitere Reiz noch mehr Stress aus. Manche sprechen von Reizgewittern, die auf Hochsensible einprasseln. Das betrifft sowohl Empfindungen aus dem Inneren als auch Außenreize.

Oft empfinden weniger Sensible Hochsensible als Mimosen und sind schnell genervt. Die wiederum fühlen sich abgelehnt.

Mag sein, aber dann weiß man womöglich auch, woran man ist. Wer emotional kompetent ist, weiß darum, wie er selbst tickt – und wie die anderen ticken.

Wie lernt man Fühlen?

Dazu gehört erstens, Emotionen benennen zu können. In einem zweiten Schritt könnten Sie sich fragen, welche Emotion genau bei Ihnen gerade vorherrscht. Sollten Sie zum Beispiel Aufregung verspüren, könnten Sie sich fragen, welche Emotion Ihnen in diesem Moment dabei helfen könnte, sich zu beruhigen. Das Erkennen von Gefühlen ist letztlich eine Gewohnheit, die genauso erlernbar ist wie etwa das Schreiben mit zehn Fingern oder Autofahren. Mir persönlich hat dieses differenzierte Gefühlstraining sehr dabei geholfen, mich von anderen abzugrenzen. Dass positive Gefühle unsere Gesundheit schützen, weil Psyche und Immunsystem eng miteinander verknüpft sind, ist ja schon lange bekannt. Spannend ist aber, dass es inzwischen auch als zentraler Gesundheitsfaktor gilt, die eigene emotionale Diversität zukultivieren.

Was heißt das genau: emotionale Diversität?

Damit will ich sagen, dass es für unsere seelische und körperliche Fitness auch eine Rolle spielt, ob wir die Vielfältigkeit unserer emotionalen Welt würdigen – ähnlich wie bei Ökosystemen und der Biodiversität. Durch diesen Vergleich ist der Begriff "Emodiversity" entstanden. Forscher haben herausgefunden, dass es für unsere Gesundheit wichtig ist, sich die ganze Palette der Emotionen bewusst zu machen. Menschen, die ihre Emotionen benennen können und kennen, wissen auch, was dahintersteckt und was sie für sich tun können. Sie sind tatsächlich weniger krank und psychisch unbelasteter. Gerade jetzt spüren alle Menschen, dass es gar nicht möglich ist, nur Freude zu empfinden. Wenn uns die aktuelle Lage traurig macht, dann ist das völlig in Ordnung und gesund, das zu erkennen. Es macht absolut Sinn, die Tränen kullern zu lassen, damit wir hinterher wieder mit erleichtertem Herzen den nächsten Schritt durch die Krise wagen können. Und noch etwas: Traurigkeit ist nicht die einzige "unangenehme" Emotion, die uns gerade einholt.

Oh ja, vor allem seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

Genau. In die Trauer mischen sich vielleicht auch Gefühle von Angst, Zorn oder Empörung. Genau das meine ich mit emotionaler Vielfalt. Es mag seltsam klingen, aber: Wissenschafter haben herausgefunden, dass ein breites Spektrum negativ bewerteter Gefühle besser für die psychische Verfassung ist als ein eintönig negatives Gefühlsleben! Ich bin überzeugt davon, dass es gesünder ist, diese Diversität an Emotionen in sich deutlich spürbar zu registrieren, selbst dann, wenn sie – in Phasen wie dieser – öfter negativ als positiv sein sollten. "Emodiversity" bedeutet, Bewusstsein für die verschiedensten positiven und negativen Gefühle in sich zu entwickeln. Ganz nach dem Motto: Annehmen statt verdrängen.

Negative Gefühle wollen die wenigsten spüren. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht sogar von einer "Wohlfühlsensibilität", die nur Positives zulässt und erträgt.

Ein wunderbarer Ausdruck! Wenn wir genau das tun, also nur Wohlgefühle zulassen, unterdrücken wir zugleich negative Emotionen wie Trauer, Wut und Verzweiflung. Doch das kann auf Dauer einen Menschen instabil machen, vielleicht sogar radikalisieren. Ich bin tatsächlich eine Verfechterin der Ambiguität, das heißt: Alles darf sein, ja, alles muss sein. Denn wer erkennt, was genau sich hinter seinem "schlechten" Gefühl verbirgt, weiß eher, was er tun muss, um seine Situation zu verbessern.

Kommunikationswissenschafter werfen der Politik vor, in der Corona-Pandemie sogar Ängste zu schüren.

Das kann ich nachvollziehen. Fakt ist, dass in diesem Prozess eher die Angst herrscht als die Kraft des Vertrauens. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sowohl im politischen System liegen als auch in der hohen Belastung von Politikern, die vielleicht, ohne sich dessen bewusst zu sein und unterdem Deckmantel des Rationalismus, von ihren unverarbeiteten Emotionen geleitet werden. Möglicherweise ist damit auch die Frage beantwortet, warum die Angst vor dem Virus im Zentrum steht und die Anzahl der Intensivbetten der einzige Faktor ist, dem sich ALLES andere beugen muss. Statt die Menschen zu ermächtigen und darüber aufzuklären, wie man sein Immunsystem stärken kann, rückt die Angst ins Zentrum, was übrigens unsere Immunkraft verringert. Genauso wie zu wenig Licht, Bewegung und Stress.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg hat wiederholt gefordert, dass die Politik in Panik gerät. Beobachtet man das Verhalten der internationalen Politik, stellt sich die Frage: Ist Panik ein guter Ratgeber?

Paradebeispiel für eine Höchstsensible: Klimaaktivistin Greta Thunberg - © Kenzo Tribouillard / AFP
Paradebeispiel für eine Höchstsensible: Klimaaktivistin Greta Thunberg - © Kenzo Tribouillard / AFP

Panik ist ein Weckruf. Sie sorgt dafür, dass Menschen sich ihren Gefühlen stellen müssen. Insofern gebe ich ihr recht. Allerdings setztein produktiver Umgang mit Panik emotionale Souveränität voraus, damit sie ein Weckruf bleibt und nicht zum Prinzip wird. Denn extreme Emotionen reduzieren vorübergehend das Denkvermögen. Und was wir in der Krise brauchen, ist beides – emotionale Handlungsenergie und einen klaren Kopf.

Ist Greta Thunberg ein hochsensibler Seismograph?

Sie ist sicher eine Person, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur Dissonanzen im System massiv spürt. Aus meiner Perspektive könnte man Asperger-Autisten wie Greta Thunberg auch als höchstsensibel bezeichnen.

Der frühere deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer soll einmal gesagt haben: Eine dicke Haut ist ein Geschenk Gottes. Hat er recht?

In manchen Situationen stimmt das sicherlich! (lacht) Aber ehrlich gesagt, wenn es beispielsweise um das Thema Berührung geht, will ich überhaupt keine dicke Haut haben. Vermutlich hätte Adenauer mir darin auch zugestimmt. Mit meinen Worten würde ich es so formulieren: Ich bin resilienter als früher.

Wie können nicht nur Einzelne, sondern ganze Gesellschaften resilienter werden?

Nun, in dem Moment, wo sich Einzelne auf den Weg machen, entsteht ein Angebot für die vielen. Das ist eine Entwicklung, die von unten kommen muss. Wir befinden uns ja bereits in einem radikalen Wandel, übrigens nicht erst seit Covid-19. Corona ist nur ein einziges Element, das unfassbar viel Aufmerksamkeit erhält. Wir haben aber bereits vorder Corona-Krise jede Menge Warnzeichen erhalten, unter anderem aus dem Ökosystem. Wir müssen nur nach draußen schauen, wir erleben schon zum wiederholten Mal eine Dürre, und das mitten im Frühjahr, in der Wachstumszeit der Pflanzen, die unsere Nahrung sind.

Könnte der Covid-19-Schock für uns alle heilsam sein und zu einem Neuanfang führen?

Auf die Gefahr hin, dass das jetzt sensibel und pathetisch klingt: Ja, wenn wir statt Angst und Misstrauen, Liebe und Vertrauen in die Zyklen des Lebens zu unserem Ratgeber machen, dann könnte das funktionieren.