Linde Waber arbeitet an einer ihrer Tageszeichnungen (21.11.2015). - © Oliver Bentz
Linde Waber arbeitet an einer ihrer Tageszeichnungen (21.11.2015). - © Oliver Bentz

Es sollte ein riesiges Charivari werden: das Geburtstagsfest zum Achtzigsten, das im April und Mai in Form einer Veranstaltungsreihe im Aktionsradius am Wiener Gaußplatz für und mit Linde Waber hätte ausgerichtet werden sollen. Aber die Folgen von Corona haben die Linde-Waber-Abende verhindert und dazu geführt, dass die Malerin, die zu den Renommiertesten ihrer Zunft in Österreich zählt und am 24. Mai ihren 80. Geburtstag begeht, die Aufwartung ihrer großen Schar von Gratulanten nicht persönlich entgegennehmen konnte.

Wer Linde Waber kennt, kann ermessen, was dies für die Künstlerin bedeutet. Denn Linde Waber ist nicht nur eine hervorstechende Malerin und Graphikerin, sondern auch eine Künstlerin, die die Gesellschaft von Menschen wie die Luft zum Atmen braucht, die Menschen in Projekten weltweit verbindet und Freundschaften rund um den Erdball pflegt - also das ist, was man heute eine Netzwerkerin nennt. Und so wundert es nicht, dass sich Freunde und Kollegen der Menschensammlerin aus aller Welt im Netz zusammengefunden haben, das Charivari virtuell stattfinden lassen und ihr in dieser Form ihre Aufwartung machen.

Auch dies wird die in Zwettl geborene Künstlerin, die an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studierte, die Meisterklasse für Graphik bei Professor Maximilian Melcher absolvierte und ihre Arbeiten seit 1970 auf der ganzen Welt, besonders auch in Asien, ausstellt, sicherlich genießen. Über Jahrzehnte erwarb der Sammler Rudolf Leopold ihre Bilder. Im Leopold Museum sowie im Künstlerhaus und in der Albertina hatte sie ihre umfangreichsten Wiener Ausstellungen.

Linde Waber in Gips, porträtiert von Thomas Duttenhoefer. - © Oliver Bentz
Linde Waber in Gips, porträtiert von Thomas Duttenhoefer. - © Oliver Bentz

Ihr vielfältiges Werk reicht seit den 1960er Jahren von Holzschnitten über großformatige Tuschezeichnungen, Reisezeichnungen aus Afrika, Brasilien, der Karibik, Japan, China oder Tibet, ihre "Tageszeichnungen" - in denen sie als zeichnerisches Tagebuch seit Jahrzehnten ihren Alltag festhält - bis hin zu großen Leinwandbildern, die in den letzten Jahren besonders die "Natur" zum Thema haben.

Bei ihren künstlerischen Projekten arbeitet Linde Waber am liebsten auch mit Vertretern anderer Kunstsparten zusammen, etwa mit der Schriftstellerin Friederike Mayröcker oder dem Autor Bodo Hell, mit denen sie mehrere Künstlerbücher herausgab. Seit 1982 besucht sie auch Künstlerkollegen auf der ganzen Welt, um in deren Ateliers zu zeichnen. In vier Jahrzehnten entstand dabei in hunderten von großformatigen Zeichnungen, in denen sie die Geheimnisse dieser schöpferischen Orte zu erkunden versucht, ein beeindruckendes Panorama von zeichnerisch in Besitz genommenen künstlerischen Produktionsstätten.

Mit ihren graphischen Momentaufnahmen ermöglicht Linde Waber dem Betrachter Einblicke in geschützte Räume für die Produktion von Kunst, Ideen und Idealen, in den höchst privaten und intimen Kosmos von Kulturschaffenden, der dem Kunstinteressierten ansonsten meist verschlossen bleibt. So hat die Malerin mit ihren Atelierzeichnungen in den letzten Jahrzehnten eine Situations- und Bestandsaufnahme künstlerischer und handwerklicher Produktionsstätten in Österreich, Deutschland, Frankreich und Resteuropa - aber auch im Oman, im Jemen, in Japan, China oder Südafrika - vorgelegt.

Und Linde Waber, die nirgends fremd ist, wird auch mit 80 Jahren nicht müde werden, weiterhin rastlos durch die Welt zu reisen und Orte künstlerischer Produktion schöpferisch auf sich wirken zu lassen. So darf man auf ihre zukünftigen Ausstellungen gespannt sein, obwohl sie vor kurzem erklärt hat, nur noch dort ausstellen zu wollen, wo sie bisher noch nicht war. Aber es soll ja auf dem Erdball noch Orte geben, die sogar Linde Waber noch nicht gesehen hat.