"Wiener Zeitung": Herr Fischer, der Journalist Paul Lendvai nennt in seinem Buch "Mein verspieltes Land" den Trianon-Vertrag 1920 "für alle Ungarn bis heute die größte Tragödie ihrer Geschichte". Wie war Ihre Familie betroffen?

Ádám Fischer: Die Fischer-Familie stammt aus der heutigen Slowakei, an der Grenze zu Polen. Mein Großvater heiratete noch im 19. Jahrhundert nach Budapest. Nach Trianon ist der Kontakt zum slowakischen Teil der Familie völlig abgebrochen. Insofern war Trianon auch für meine Familie, wie für viele andere, eine Tragödie, wenn auch eine kleinere gegenüber der, die meine Vorfahren danach durchmachen mussten. Juden aus der Slowakei wurden später alle nach Auschwitz deportiert. Vom dortigen Teil der Fischer-Familie ist niemand übrig geblieben. Das ist aber eine andere Geschichte.

Paul Lendvai beschreibt Trianon auch als Auslöser für extremen Antisemitismus.

Mein Vater wurde mit 21 Jahren von einem der sogenannten "weißen Korps" auf offener Straße zusammengeschlagen, nur weil er Jude war. Kurz nach Trianon führte Ungarn einen Numerus clausus für das Hochschulstudium von Juden ein. Derartige antijüdische Gesetze, fünfzehn Jahre vor den Nürnberger Gesetzen, waren damals einmalig in Europa. Das wird aber bis dato nicht ehrlich thematisiert. Die Ungarn haben sich mit ihrer jüngeren Geschichte nicht so auseinandergesetzt wie die Deutschen, Österreicher oder andere westliche Länder mit mehr oder weniger Erfolg. Das hat in Ungarn nie stattgefunden. Die Ungarn haben sich immer eingeigelt und nichts von einer kritischen Geschichtsüberprüfung gehalten. Seit Trianon schaffen die Ungarn es nicht, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen, mit ihrer Geschichtsschreibung belügen sie sich selbst, und das führt sie in die Isolation.

Was genau ist die ungarische Geschichtslüge über Trianon?

Die Tatsache, dass das Königreich Ungarn in Nationalstaaten aufgeteilt wurde, vermischt man damit, dass das Land nach ethnischen Gesichtspunkten ungerecht aufgeteilt wurde. Es gab sehr viele ethnisch gemischte Gebiete. Im Zweifel entschied man immer gegen die ungarische Regierung - das kann man kritisieren, obwohl es auch Gründe dafür gab. Aber dass das Land aufgeteilt wurde, das war eine historische Notwendigkeit. Das will man in Ungarn seitdem nicht akzeptieren.

- © Nikolaj Lund
© Nikolaj Lund

Warum war die Aufteilung des Landes historisch notwendig?

Das war Teil des Programmes von US-Präsident Woodrow Wilson über das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Politik der Ungarn war die Jahrzehnte vor Trianon massiv gegen die ethnischen Minderheiten im Land gerichtet. Die ungarische Mehrheit hat Slowaken und Rumänen nicht als gleichwertig angesehen. Die anderen Ethnien wurden unterdrückt. Natürlich gab es das zu der Zeit auch in anderen Ländern. In Ungarn führte es aber dazu, dass nach dem Ersten Weltkrieg keine Einigung zwischen den Ethnien mehr möglich war und dass die anderen Ethnien auf keinen Fall mehr im gleichen Staat mit den Ungarn leben wollten. Dabei will ich die rumänischen und slowakischen Nationalisten nicht entlasten. Im Gegenteil. Ich war 1962 mit einem Kinderchor auf Gastspiel in der Slowakei und habe auf der Straße erlebt, wie hasserfüllt die Leute auf uns schauten, wenn wir Ungarisch redeten.

Es gab also eine Vorgeschichte zu Trianon, die in der offiziellen ungarischen Geschichtsschreibung ausgeblendet wird?

Die Ungarn haben bis zum bitteren Ende in Trianon nicht akzeptiert, dass Rumänen und Slowaken gleichwertige Menschen sind. Ein Beispiel dafür lieferte der berühmte ungarische Delegationsführer in Trianon, Graf Albert Apponyi. Seine dort mehrsprachig geführte Rede war und ist legendär in Ungarn, Schulkinder mussten lange danach noch Passagen daraus auswendig lernen. In dieser Rede präsentiert Apponyi noch einmal das ungarische herrenmenschliche Denken. Er spricht von Slowaken, Rumänen usw. als Rassen, die auf einem niedrigeren kulturellen Niveau stünden und keine nationale Hegemonie haben könnten. Das sagte er 1920 in Trianon - aber die Ungarn belügen sich selbst und wollen bis heute nicht sehen, wie sehr sie damals die anderen gegen sich aufbrachten. Apponyi war ja kein Einzelfall, sondern er stand in einer langen Reihe, die mit Kossuth begonnen hat.

Karte der territorialen Aufteilung Österreich-Ungarns nach den Pariser Vorortverträgen
 - © Alpha Centauri/CC
Karte der territorialen Aufteilung Österreich-Ungarns nach den Pariser Vorortverträgen
- © Alpha Centauri/CC

Lajos Kossuth, der Nationalheld und Anführer der Ungarischen Unabhängigkeitserhebung gegen Österreich ...

... war einer der großen Nationalisten, der das Land in diese Richtung drängte. Er war radikal gegen Kroaten, Rumänen und die anderen Ethnien eingestellt. Ich habe einen führenden Historiker des Landes gefragt, weshalb man nicht auch diese Schattenseiten von Kossuth thematisiert. Er antwortete: Dass er ein Schuft war, das wissen wir Historiker, aber das dürfen wir doch nicht offen sagen. Und Kossuths Nationalismus war die Regel. Die Ungarn wollten im Grunde nicht akzeptieren, dass das Königreich Ungarn ein Vielvölkerstaat war. Und dabei haben sie nicht bemerkt oder wollten nicht bemerken, welchen negativen Eindruck ihre nationalistische Politik im Ausland, in Europa machte.

Da könnte man durchaus Parallelen zu heute ziehen.

Ja, das Denken "Alle sind gegen uns" zieht sich durch. Was aber diese Stimmung des Auslands gegen Ungarn auslöst, darüber wird nicht nachgedacht. Das jüngste Beispiel dafür lieferte der ungarische Außenminister, der auf die Kritik der fünf nordeuropäischen Länder am ungarischen Notstandsgesetz antwortete: Wir sind ein 1000-jähriges Land, wir haben es nicht nötig, kritisiert zu werden. Ungarn ist aber kein 1000-jähriges Land. Das ungarische Königreich ist 1000 Jahre alt. Das war ein vielsprachiger Vielvölkerstaat. Das ,ethnisch reine‘ Ungarn ist in Trianon entstanden. Der ungarische Nationalstaat ist also nicht 1000, sondern 100 Jahre alt.

Sie machen damit aus der nationalen Tragödie Trianon die Geburtsstunde des heutigen ungarischen Nationalstaats.

Deshalb ist der von der Regierung verwendete Slogan "Ungarn muss ungarisches Land bleiben" auch verlogen. Im Ungarischen hat der Begriff "Magyarország" eine zweifache Bedeutung: Zusammengeschrieben steht er für Ungarn, getrennt und kleingedruckt für ungarisches Land. Der Regierungsslogan: "Magyarország" muss ein "magyar ország" bleiben, spielt mit dieser doppelten Bedeutung, und macht eine Kampfansage gegen Migranten daraus: Ungarnland ist ungarisch, das Land der Ungarn nur den Ungarn. Dabei vergisst man, dass erst Trianon das heutige ethnisch homogene Ungarn ermöglichte.

Über Trianon als größte Tragödie zu trauern und das Ergebnis von Trianon als Errungenschaft zu feiern, das widerspricht sich.

Für die ungarische Regierungspolitik ist die ethnische Homogenität das höchste Gut, das es zu schützen gilt. Die von Ministerpräsident Viktor Orbán ausgegebene Parole lautet: Dieses Gut werden wir gegen Europa und die Welt verteidigen. Schaut her, was aus Großbritannien, was aus Deutschland oder Österreich wurde, wo Migranten das Land besetzen. Wir hingegen sind Gott sei Dank ethnisch homogen geblieben - und Ungarn muss weiterhin ungarisch bleiben. Alle Ausländer sind Feinde, und wir dürfen niemanden aufnehmen.

Das vor kurzem vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) als Gefängnis verurteilte ungarische Transitlager für Flüchtlinge an der Grenze zu Serbien ist ein Ergebnis dieser Politik.

Ja, und in diesen - seit ein paar Tagen aufgelösten - Lagern fing man im vorigen Herbst sogar damit an, Insassen kein Essen zu geben! Ich bin Mitglied der Ungarischen Helsinki Kommission, die für die Einhaltung der Menschenrechte auch bei diesen Flüchtlingen eintritt - wir mussten wiederholt den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGME) in Straßburg alarmieren, dass er Ungarn anweist, die Flüchtlinge zu versorgen. Ich bin entsetzt und schäme mich, dass es so weit kommen konnte, dass man im heutigen Ungarn damit Stimmen gewinnt, wenn man diesen armen und ausgelieferten Menschen, die unvorstellbar Schreckliches erlebt haben, das Essen verweigert.

Wer so denkt, wer so handelt, wer Flüchtlinge absichtlich hungern lässt, muss Trianon als Geburtstag feiern. Das jetzige Regime betreibt eine völkische, fremdenfeindliche und eindeutig rassistische Propaganda. Mit dieser Einstellung haben sie kein Recht, über Trianon zu trauern. Trianon hat vielen Menschen Leid und Elend gebracht. Aber diejenigen, die heute die ethnische Homogenität als höchstes Gut betrachten, die alles daransetzen, dass eine xenophobe Gesellschaft entsteht, müssen Trianon als Geburtstag ihrer rassistischen Politik feiern.

Aufgrund der Corona-Krise wird es keine großen Trianon-Feiern geben.

Und das ist der einzige Vorteil von Corona. Ich will nur hoffen, dass die Corona-Krise bald vergeht, denn sie hat die Xenophobie überall in Europa wachsen lassen. Und diese Xenophobie zu bekämpfen, das sehe als unsere wichtigste Aufgabe für die nächsten zehn Jahre.