"Wiener Zeitung": Frau Schratter, wie wirken sich Ihrer Einschätzung nach die mit der Corona-Pandemie verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf die Tierwelt aus? Medienberichten zufolge wurden Tiere in unüblichen Gebieten gesichtet, etwa Delfine am Bosporus, Schakale im Stadtpark von Tel Aviv etc.

Dagmar Schratter: Ob die Berichte über Delfine und Schakale stimmen, kann ich nicht beurteilen, ich kenne sie auch nur aus den Medien. Bei Schakalen würde es mich nicht wundern, wenn es so wäre, ähnlich wie bei unseren Füchsen. Es ist bekannt, dass Tiere sich Gebiete, die vom Menschen verlassen oder gemieden werden, sehr schnell zurückerobern. Ein berühmtes Beispiel sind die verlassenen Gebiete rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl, die zum Zufluchtsgebiet für wilde Tiere wie Elche, Wölfe oder Luchse geworden sind.

Angeblich sangen während der Ausgangsbeschränkungen auch die Vögel lauter...

Dass Vögel lauter gesungen hätten, kann ich mit Sicherheit dementieren. Man hat sie einfach nur besser gehört und so mancher hat die Vogelgesänge ohne begleitenden Verkehrslärm vielleicht überhaupt erstmals richtig wahrgenommen.

Wie reagierten die Tiere im Zoo auf die plötzliche Ruhe?

In vielen Tiergärten und Tierparks beobachtete man tagsüber ein Verhalten bei Tieren, das anders war als vor der Schließung. Die Tiere schienen die wenigen Menschen, die sie zu Gesicht bekamen, viel genauer zu beobachten. Tiere, die viel mit den Besuchern interagieren, wie beispielsweise Affen, reagierten nun besonders stark auf Mitarbeiter. Eine Mitarbeiterin vom Tiergarten Schönbrunn erzählte mir, dass auch das Wolfsweibchen Svenja sofort interessiert zum Zaun kam und sie entlang des Weges begleitete.

Als Biologin, Zoologin und langjährige Direktorin des Tiergarten Schönbrunn haben Sie sich Ihr ganzes Berufsleben lang mit den Bedürfnissen und dem Verhalten von Tieren befasst. Kann tierisches Verhalten für den Menschen Vorbild sein?

Das Verhalten des Tieres ist immer angepasst an das Habitat, an den Lebensraum. Otto Koenig sprach in diesem Zusammenhang von der Öko-Ethologie, um deutlich zu machen, dass das Verhalten eines Tieres nur im Kontext des ihn umgebenden Ökosystems verstanden werden kann. Allein was das Sozialverhalten betrifft, findet man im Tierreich die unterschiedlichsten Modelle: Es gibt monogame Arten wie die Gibbons, die zeitlebens als Pärchen zusammenbleiben. Dann gibt es Tierarten, bei denen ausschließlich die Männchen das Sagen haben und sich einen Harem halten. Gegenbeispiel hierfür sind die Kattas (eine Lemurenart, Anm.), hier gelten matriarchalische soziale Strukturen und die Weibchen sind tonangebend.

Mit anderen Worten: Im Tierreich existieren die unterschiedlichsten Lebensformen und Verhaltensweisen.

Im Tierreich gibt es alles, von Lug und Trug, Mord und Totschlag bis zur Empathiefähigkeit und Hilfsbereitschaft, deshalb wäre es viel zu verallgemeinernd, wenn man sagt, der Mensch sollte sich ein Vorbild an den Tieren nehmen. Was gleichzeitig nicht ausschließt, dass es das eine oder andere gibt, wo ich sagen würde, da können wir uns ein Vorbild nehmen. Und manchmal kann einfach das Beobachten von Tieren auch unsere Gemütsstimmung beeinflussen. Wenn ich gerade sehr unter Druck stand oder mir im Büro die Decke auf den Kopf fiel, konnte ein Kurzbesuch beim Großen Panda Wunder wirken! Zu beobachten, wie er in aller Ruhe dasitzt und Bambus frisst, ist Entspannung pur. Ich bin Frühaufsteherin, ging manchmal zeitig am Morgen eine Runde durch den Tiergarten, konnte beobachten, wie die Tiere munter werden, und hatte schon Kraft getankt für Dinge, die vielleicht nicht immer so angenehm sind. Ich glaube wirklich, ich hatte den schönsten Arbeitsplatz der Welt.

"Das Wichtigste im Umgang mit Tieren ist, über ihre Bedürfnisse Bescheid zu wissen."- Dagmar Schratter mit Kattas. - © Daniel Zupanc
"Das Wichtigste im Umgang mit Tieren ist, über ihre Bedürfnisse Bescheid zu wissen."- Dagmar Schratter mit Kattas. - © Daniel Zupanc

Sie waren in der über 250-jährigen Geschichte des Tiergarten Schönbrunn die erste Direktorin, haben insgesamt 26 Jahre im Zoo gearbeitet. Wie schwer ist Ihnen der Abschied gefallen?

Wie vieles im Leben hatte auch dieser Abschied zwei Seiten. Ich ging mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wobei das lachende schon etwas überwiegt. Ich freue mich wirklich, nicht mehr jeden Tag fremdbestimmt zu sein, von Termin zu Termin zu leben. Ein bisschen Wehmut ist klarerweise dabei, wenn man 26 Jahre sehr gerne in einem Betrieb gearbeitet hat. Aber trotzdem - die Freude überwiegt!

Und jetzt finde ich endlich mehr Zeit für meine Hobbies Lesen und Wandern - zum Beispiel auf den Spuren der Geschichte meiner Heimat Kärnten. Und vielleicht wird mich dabei auch bald wieder ein Hund begleiten.

Weil Sie zuvor den legendären Verhaltensforscher Otto Koenig angesprochen haben: Mit ihm verband Sie von Anbeginn Ihrer beruflichen Laufbahn eine enge Zusammenarbeit. Wie kam es dazu?

Ich lernte Otto Koenig im Rahmen meines Biologiestudiums kennen, er betreute später auch meine Doktorarbeit. Er war ein Verhaltensforscher mit einem sehr breiten Interessenshorizont. Obwohl er zeit seines Lebens mit Tieren gearbeitet hat, hatte er gleichzeitig stets den Menschen im Blick. Im Gegensatz zum anthropozentrischen Weltbild sah er den Menschen als Teil der Natur an. Diese Denkweise hat mich maßgeblich beeinflusst.

Sie hatten bei Ihrer Studienwahl zunächst ja auch eher den Menschen im Blick und begannen Psychologie zu studieren...

Ja, ich war, was die Tiere betraf, eher ein "Spätzünder". Viele meiner Kollegen aus Zookreisen erzählen, dass sie sich schon von klein auf intensiv mit Tieren auseinandergesetzt haben. Das war bei mir eigentlich nicht der Fall. Vielleicht liegt es darin begründet, dass wir zu Hause keine Heimtiere hatten.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Berufswunsch?

Ich wollte Säuglingsschwester werden. Im Laufe meines Psychologiestudiums galt mein großes Interesse der Kinderpsychologie. Ich wählte ganz bewusst Zoologie als Nebenfach, um zu den Wurzeln des Menschen vorzudringen. Laut Evolutionstheorie stammen wir von den Tieren ab - und mich beschäftigte die Frage: Wie viel Tier steckt noch in uns? Mit der Zeit interessierten mich die biologischen Themen jedoch deutlich mehr und ich wechselte zum Biologiestudium mit Hauptfach "Zoologie" und Nebenfach "Botanik". Nach dem Studium bot Otto Koenig mir eine Stelle am Institut für angewandte Öko-Ethologie der Forschungsgemeinschaft Wilhelminenberg an. Koenig war ein ganz wichtiger Wegbereiter für mich, auch ein großer Wissensvermittler.

...nicht zuletzt durch seine langjährige ORF-Fernsehsendung "Rendezvous mit Tier und Mensch", bei der Sie ebenfalls mitwirkten.

Er war ein Vordenker, ein Naturschützer, hat damals schon um den Nationalpark Neusiedlersee gekämpft und immer versucht, in größeren Zusammenhängen zu denken. Durch seine Fernsehsendung war er auch der "Tieronkel der Nation". Es kamen massenhaft Zuschriften und Anfragen zum Thema "Haustierhaltung", später sind derlei Anfragen hierher nach Schönbrunn gekommen, was uns dazu animiert hat, einen Heimtierpark mit den gängigsten Haustieren einzurichten. Ich denke, das Wichtigste im Umgang mit Tieren ist, über ihre Bedürfnisse Bescheid zu wissen. Das ist die Basis. Und zu den Grundbedürfnissen eines Hundes zählt es nicht, dass er mit mir im Bett schläft und ich die Sachertorte mit ihm teile. Deshalb bin ich noch nicht tierlieb. Der Hund sollte Hund sein dürfen.

Dagmar Schratter mit dem Verhaltensforscher Otto Koenig- - © - / First Look / picturedesk.com
Dagmar Schratter mit dem Verhaltensforscher Otto Koenig- - © - / First Look / picturedesk.com

Was sind Ihrer Einschätzung nach die gängigsten Fehler in der Haustierhaltung?

Wenn man in Tiere menschliches Verhalten hineininterpretiert. Das gilt für Heimtierhaltung genauso wie im Zoo. Ein gutes Beispiel ist der Koala. Mitunter kommt von Zoobesuchern die Kritik: "Der Koala ist so arm, sitzt nur da und schläft die ganze Zeit, ihm ist wohl langweilig..." Tatsache ist: Koalas fressen ausschließlich Eukalyptus. Eukalyptus ist sehr nährstoffarm, zum Teil auch giftig, kann überhaupt nur von Koalas verdaut werden. Um Energie zu sparen, bewegt er sich so wenig wie möglich und schläft pro Tag 22 Stunden.

Sie sind auch ausgebildete Tierpflegerin. Worauf kommt es in diesem Beruf besonders an?

Für mich ist Tierpfleger einer der herausforderndsten Berufe überhaupt. 90 Prozent der Arbeit ist Routinearbeit: Futter schneiden, Stallungen ausmisten, Scheiben und Gehege putzen - diese Aufgaben machen den größten Anteil aus. Wirklich ausschlaggebend sind dann allerdings die restlichen zehn Prozent: Ein Tierpfleger muss jede Veränderung im Verhalten des Tieres wahrnehmen und darauf reagieren. Man braucht eine große Beobachtungsgabe für diesen Beruf.

Wie darf man sich das Verhältnis zwischen Pfleger und Tier vorstellen?

Grundvoraussetzung für diesen Beruf ist natürlich die Empathie, die Tierliebe. Gleichzeitig muss ein Tierpfleger aber auch eine gewisse Distanz zum Tier wahren. Gerade im Rahmen unserer Erhaltungszuchtprogramme übersiedelt der Nachwuchs später oft in andere Zoos. Da muss ich mich verabschieden, kann mein Herz nicht so binden wie an meinen Hund zu Hause. Ich denke, wir haben in unserer Gesellschaft generell ein bisschen den natürlichen Umgang mit Tieren verloren.

Inwiefern?

Es gibt zwar immer mehr Veganer oder Vegetarier, aber die meisten Menschen essen Fleisch, möchten aber gleichzeitig nicht wissen, wo das Schnitzel auf dem Teller eigentlich herkommt. Früher am Bauernhof hat man gewusst, jetzt wird das Tier geschlachtet. Heute bekommt man das Fleisch fertig abgepackt, aber dass das fertig Abgepackte auch einmal Augen hatte, wollen wir nicht wissen. Auf der anderen Seite gibt es eigene Geschäfte mit Kleidung für Haustiere, in China sogar Wellnesshotels, wo der Hund genauso wie sein Frauchen Gurkenscheiben auf die Augen bekommt. Dieser Spagat, dieses Vermenschlichen von Heimtieren einerseits und das Wegblenden der Nutztiere andererseits ist meines Erachtens ein falscher Zugang zum Tier generell.

Unter Ihrer Direktion wurde der Tiergarten Schönbrunn fünfmal zum besten Zoo Europas gekürt. Worauf gilt es bei der Tierhaltung im Zoo besonders zu achten?

Wir versuchen, ein Tier möglichst Tier sein zu lassen. Man muss seine Bedürfnisse kennen und versuchen, diese so gut es geht zu befriedigen. Im Zoo gilt das Credo: Man darf ein Tier weder über- noch unterfordern. Es gibt flexible und weniger anpassungsfähige Tierarten. Ich vergleiche dabei oft zwei Papageienarten - den Graupapagei und den Kea. Der Kea ist ein neuseeländischer Papagei, der in einem Gebiet vorkommt, wo es sehr schwierig ist, an Nahrung zu gelangen. Er muss sehr flexibel sein und sich an die unterschiedlichsten Verhältnisse anpassen. Keas sind neugierig, deshalb muss man immer wieder für Abwechslung sorgen, ihnen neues Spielzeug geben oder sie mit Futterverstecken fordern. Ganz anders bei den Graupapageien. Ihr Lebensraum sind tropische Regenwälder, hier ist immer für Nahrung gesorgt. Graupapageien sind sehr starr in ihrem Verhalten, tägliche Veränderungen würden für sie Stress bedeuten. All diese Dinge muss ein Tierpfleger wissen und berücksichtigen.

Sie sprachen zuvor das Thema an, dass man als Tierpfleger immer eine gewisse Distanz zum Tier wahren solle. Entsteht nicht unwillkürlich ein vertrautes Verhältnis, wenn man täglich miteinander zu tun hat?

Natürlich sind die Tiere auch mit den Pflegern vertraut. Manche Tiere halten wir im sogenannten geschützten Kontakt. Dass trotzdem Emotionen im Spiel sein können, ist wiederum menschlich. Als das erste Pandajungtier nach China übersiedelt ist, hat die ganze Abteilung Tränen vergossen. Klarerweise hat man eine Bindung, aber man muss immer auch das Gesamte im Blick haben. Das ist nicht einfach. Man hat immer wieder ein Tier, das man besonders gern hat, aber man muss akzeptieren, dass auch hier im Tiergarten der Kreislauf von Werden und Vergehen waltet, auch hier gibt es Abschiede, Krankheiten, wird gestorben und geboren.

Apropos Panda, ein besonderes Highlight in Schönbrunn ist ja die Pandazucht...

Die Fortpflanzung Großer Pandas erfolgt in der Regel über künstliche Besamung - auch in den Forschungs- und Zuchtstationen in China wird das so gehandhabt. Nur im Tiergarten Schönbrunn funktionierte die Nachzucht regelmäßig über natürliche Reproduktion. Unter anderem ist das auf die hervorragende Beobachtungsgabe unserer Mitarbeiterinnen zurückzuführen, die die ersten Anzeichen der Paarungsbereitschaft erkennen und darauf reagieren können.

Eines Ihrer Ziele war es, dem Lebensraum der heimischen Tier- und Pflanzenwelt noch mehr Raum zu geben. Ist das gelungen?

Wir haben einen Naturerlebnisweg angelegt, Schmetterlingsinseln geschaffen, Anlagen für heimische Reptilien und Fische gebaut u.v.m. Natur- und Artenschutz beginnt vor der eigenen Haustür. Natürlich ist es auch wichtig, den Panda in China, den Tapir im Pantanal und den Eisbären in der Arktis zu schützen. Aber in unserer unmittelbaren Umgebung gelten oft andere Regeln, wenn beispielsweise Stimmen laut werden, die dafür plädieren, dass der Kormoran wegmuss, weil er die Fische frisst, die ich gerne aus dem Fluss angeln würde - nicht zum Essen, sondern als Sport. Oder wenn ein Wolf kurz über die Grenze kommt und schon wird nach Abschuss geschrien. Diese Schere, diesen Spagat ein bisschen aufzuheben, habe ich als meine Aufgabe gesehen. Ich denke, in diesem Bereich haben wir Bewusstsein geschaffen, wenngleich es noch immer viel zu tun gibt.