Während Corona vor Neid in Gelb erblasst: "Menschen neigen gerade dann dazu, sich zu vergleichen, wenn sie verunsichert sind und sich in unvertrauten Situationen befinden." - © unsplash.com, Andre Hunter
Während Corona vor Neid in Gelb erblasst: "Menschen neigen gerade dann dazu, sich zu vergleichen, wenn sie verunsichert sind und sich in unvertrauten Situationen befinden." - © unsplash.com, Andre Hunter

"Wiener Zeitung": Frau Corcoran, wie ist es Ihnen in der letzten Zeit gegangen?

Katja Corcoran: Es war eine Herausforderung, sich auf einen völlig neuen Alltag einzustellen. Aber ich habe auch Positives gesehen. Ich habe mich zum Beispiel über Kleinigkeiten gefreut, die ich sonst für selbstverständlich nehme. Die habe ich plötzlich intensiver wahrgenommen. Die Krise hat mich nachdenklicher gemacht. Mir wurden meine Privilegien viel deutlicher bewusst. Durch meine Wohnsituation und die Sicherheit meines Jobs leide ich unter der Situation viel weniger als viele andere Menschen. Dafür war ich dankbar.

Katja Corcoran: "Neid ist ein alltägliches Gefühl. Wir müssen uns dafür nicht schämen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen." - © Thomas Corcoran
Katja Corcoran: "Neid ist ein alltägliches Gefühl. Wir müssen uns dafür nicht schämen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen." - © Thomas Corcoran

Womit wir beim Thema wären: Sie erforschen sozialen Vergleich. Hat uns Corona neidischer gemacht?

Wir hatten während der Ausgangsbeschränkungen weniger persönlichen Kontakt und es hat weniger Anlässe gegeben, sich zu vergleichen. Aber Menschen neigen gerade dann dazu, sich zu vergleichen, wenn sie verunsichert sind und sich in unvertrauten Situationen befinden. Es hilft, sich an anderen zu orientieren. Wir vergleichen uns eher mit Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind oder Gemeinsamkeiten mit uns haben. Die Krise hat auch ein Wir-Gefühl ausgelöst, weil sich Menschen in so einer Situation stärker mit ihrer Gruppe identifizieren. Aber es ist möglich, dass wir den Kreis breiter gezogen haben: Während wir sonst unsere Wohnsituation etwa eher mit der von Freunden vergleichen, ist uns jetzt plötzlich bewusster geworden, wie andere Menschen wohnen. Wir haben klarer gesehen, wem es besser oder schlechter geht.

Was beschäftigt uns mehr?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Auf der einen Seite können Abwärtsvergleiche - den anderen geht es schlechter als mir - dazu beitragen, sich selbst besser zu fühlen. Gerade wenn also mein eigenes Wohlbefinden in Gefahr ist, können solche Vergleiche helfen. Auf der anderen Seite orientiert man sich in Stresssituationen an positiven Vorbildern. Generell neigen Personen dazu, sich eher leicht aufwärts zu vergleichen.

Wie hängen das Vergleichen und der Neid zusammen?

Erst wenn wir uns mit einer Person vergleichen, entsteht das Gefühl Neid. Wenn jemand etwas kann oder erreicht hat, was wir auch gerne hätten, wird uns die Diskrepanz bewusst und wir empfinden die soziale Emotion Neid. In meiner Forschung beschäftige ich mich damit, wie sich das auf unsere Selbsteinschätzung und unsere Erwartungen auswirkt.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

Soziale Medien erlauben uns heute, sehr viel über andere Personen zu erfahren - selbst dann, wenn sie weit weg sind oder nicht zu unserem eigentlichen persönlichen Umfeld gehören. Solche Informationen können bei uns Vergleiche auslösen. Das Besondere an sozialen Medien ist außerdem, dass viele sie dazu nutzen, sich selbst zu präsentieren. Viele überlegen sehr genau, was sie über sich preisgeben und bearbeiten die Bilder, um in einem möglichst guten Licht dazustehen. Im Vergleich dazu kann das eigene Leben langweilig und grau aussehen.

Es heißt immer, Neid motiviert. Stimmt das?

Neid motiviert uns dazu, die Diskrepanz zu der anderen Person zu reduzieren. Das kann man auf zwei Wegen tun. Deswegen unterscheiden wir zwei Arten von Neid, wobei der eine - der bösartige - bei uns viel mehr Beachtung bekommt. Beim bösartigen Neid - im Deutschen sagen wir dazu auch Missgunst - wollen wir der anderen Person ihre Erfolge wegnehmen oder ihr anderweitig schaden. Wir versuchen quasi die Diskrepanz zu reduzieren, in dem wir sie zu uns runterziehen. Dadurch verbessern wir uns nicht. Beim gutartigen Neid wollen wir den Unterschied zum anderen verringern, indem wir selbst dorthin kommen, wo er oder sie schon ist. Das ist motivierend.

Es ist - zum Glück - salonfähig geworden, offen über negative Gefühle und psychische Leiden zu sprechen, aber Neid wirkt wie ein Tabu und ziemlich schambehaftet.

Das liegt daran, dass wir meistens über den bösartigen Neid sprechen, der ja auch eine aggressive Komponente hat. Das ist natürlich sozial unerwünscht. Wir denken einfach nicht oft an die gutartige Ausprägung, die teilweise Ähnlichkeit mit Bewunderung oder Inspiration hat. Aber Neid schmerzt: Es tut weh, die Diskrepanz wahrzunehmen.

Neid ist also verkannt?

Ja, und wir vergessen dabei, dass Neid eine Funktion hat: Wir sehen, wo wir stehen im Vergleich zu anderen - und was wir tun können, um weiterzukommen. Wir sind soziale Wesen und die Gemeinschaft ist für uns Menschen sehr wichtig, weil wir gemeinschaftlich mehr erreichen können und evolutionspsychologisch gesehen auch bessere Überlebenschancen haben. Status heißt: Welche Stellung hat jemand in der Gesellschaft? Den eigenen Status zu kennen, ihn zu vergleichen und ihn vielleicht auch verbessern zu wollen, hat sich evolutionär entwickelt. Aber alle Emotionen sind keine objektiven Informationen, sondern eher schnelle Signale, die uns direkt Informationen über eine Situation geben können.

Haben sich die Statussymbole verändert?

Was wir beneiden, hat viel mit den Werten in einer Gesellschaft zu tun. Wenn man sich die Werteforschung anschaut, sehen wir, dass sich das schon ändert - wenn auch langsam. Aber es gibt klassische Statussymbole wie Sicherheit und Geld, die immer gefragt sind, weil sie mit den Grundbedürfnissen zu tun haben. Trotzdem nimmt das Gefühl zu, dass man nicht immer mehr Geld haben muss, um glücklich zu sein. Auch der Wunsch nach einer guten Work-Life-Balance ist gestiegen.

Was raten Sie jemandem, der sehr unter Neid leidet?

Wenn Neid schmerzt, sollte man sich auf jeden Fall mit ihm auseinandersetzen. Das ist ein Zeichen, dass es einen ganz stark betrifft. Vielleicht hilft es mir, zu erkennen, dass das etwas ist, das mir wichtig ist! Oft fühlen wir uns gedrängelt, anderen Zielen hinterherzulaufen, als denen, die uns wirklich etwas bedeuten. Man könnte dann versuchen, vom bösartigen zum gutartigen Neid zu kommen - und sich fragen: Was kann ich tun, damit ich dahinkomme, wo der oder die Beneidete schon ist?

Und wenn das nicht geht?

Neid hängt sich immer an ein Neidobjekt, das Leben ist aber vielfältig. Auch wenn der andere ein Auto fährt, das ich mir nie werde leisten können, kann ich schauen, wo es Bereiche gibt, wo ich gut dastehe und wo mir der andere nichts voraushat. Wir haben ja viele verschiedene Ziele im Leben und wir können immer wieder prüfen, welche wir fallenlassen und auf welche wir uns fokussieren wollen. Es gibt sicher niemanden, den wir beneiden, bei dem wir wirklich alles haben wollen. Meistens sind es nur isolierte Elemente.

Kennen Sie selbst Neid?

Natürlich! Ich stecke sehr viel Energie in meine Karriere, in meine Arbeit. Das ist ein sehr angepasstes Leben. Manchmal beneide ich Menschen, die einen alternativen und abenteuerlichen Lebensweg gehen. Ich kann mich also fragen, ob ich meine Prioritäten richtig gesetzt habe und den richtigen Zielen hinterherlaufe. Vielleicht sollte ich etwas ändern. Oder ich sollte mir auch bewusst machen, was ich an meiner Arbeit so schätze und welche Möglichkeiten sie mir eröffnet.

In der Politik wird Neid oft als "Totschlagargument" verwendet.

Neid ist ein Tabu und taugt deshalb gut als Argument, jemanden schlechtzumachen. Bei uns geht es in Gerechtigkeitsfragen für viele immer auch um das Leistungsprinzip: Wer mehr leistet, soll mehr bekommen. Dabei übersieht man aber oft, dass Leistung nicht gut zu messen ist. Wer leistet mehr? Ein Manager oder ein Fabrikarbeiter? Was rechtfertigt die extremen Unterschiede im finanziellen Ergebnis? Man nutzt also die Tabuisierung von Neid aus, um sich der Frage der Gerechtigkeit nicht stellen zu müssen. Bei sozialem Neid spielt es eine große Rolle, ob wir das Gefühl haben, ob jemand das verdient oder nicht. Unverdienter Reichtum - wie etwa große Erbschaften - sollte daher bei uns eher bösartigen Neid auslösen als hart erarbeitete Einnahmen.

Und: Wie wir auf Statusdifferenzen und Vermögensunterschiede reagieren, hat auch viel mit den Kontrollmöglichkeiten zu tun - und mit den Chancen, die jemand hat. Bei uns hat Bildungserfolg immer noch viel mit dem finanziellen Status der Eltern zu tun. Kinder, die in ärmere Familien hineingeboren werden, haben geringere Chancen. Wenn die Schere immer weiter aufgeht, kann das dazu führen, dass mich Neid nicht motiviert, weil ich keine Chance sehe, mich zu verbessern. Deshalb ist es für uns als Gesellschaft wichtig, an echter Chancengleichheit zu arbeiten.

In vielen Familien sorgt Neid zwischen Geschwistern für Stress.

Die Familie ist natürlich die Gruppe, in der sich Menschen am meisten vergleichen und immer wieder prüfen: Wie stehe ich im Vergleich da? Ich habe mit meinen Geschwistern ja viel gemeinsam und kann mich deshalb gut vergleichen. Andererseits wird da auch viel aufgefangen: Wenn ich Menschen liebe, empfinde ich eher den gutartigen Neid und lasse mich eher motivieren, als missgünstig zu sein. Auch in gut funktionierenden Familien kommt Neid oft vor, aber eben der gutartige. Unsere Gefühle sind oft gemischt: Wir können uns für die Geschwister freuen und es kann uns gleichzeitig schmerzen, dass sie etwas haben, was wir nicht haben. Das ist vielschichtig: Wieviel Liebe jemand bekommt, ist ja nicht messbar. Und wir nehmen solche Situationen auch oft verzerrt wahr.

Wir sollten Neid also als ganz normal akzeptieren?

Genau. Wir vergleichen uns generell sehr oft und viel - und Neid ist ein alltägliches Gefühl. Wir müssen uns dafür nicht schämen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen.