"Wiener Zeitung": Frau Pany, Ihre Podcast-Gespräche zeichnen sich dadurch aus, dass Sie einerseits mit Ihren Gästen sehr professionell zu verschiedensten Bereichen psychischer Gesundheit sprechen, andererseits ist immer wieder Ihre eigene Erfahrung als Betroffene spürbar. Zuhörerinnen und Zuhörer merken rasch, wie sehr Sie selbst Expertin sind und das "System" Psychiatrie aus mehreren Blickwinkeln kennen. Ich fände es spannend, zu Beginn etwas mehr über Ihre eigene Biographie zu erfahren.

Martha Pany: Ich bin als mittleres von drei Mädchen im Waldviertel aufgewachsen und war meiner Erinnerung nach immer ein sehr lautes und lebhaftes Kind. Das kippte, als ich 14 Jahre alt wurde. Damals bekam ich eine Essstörung, die in Richtung Magersucht ging. Da meine Mutter Sozialarbeiterin war, konnte sich diese Störung zum Glück nie "voll entfalten". Ich kam rasch in Therapie und "funktionierte" die Schulzeit bis zur letzten Klasse weiterhin scheinbar gut.

Hat niemand bemerkt, wie schlecht es Ihnen damals ging?

Außer dass ich sehr schlank wurde, war von meinen Problemen nichts zu sehen. Meine Therapeutin in der Zeit half mir, mich auf meine Ziele zu konzentrieren und zu strukturieren. Das Trauma im Hintergrund wurde dabei nicht entdeckt. Die Situation kippte erst, als meine Spannungszustände so stark wurden, dass ich mich in der Schule fast jede Pause auf der Toilette ritzen ging. Dann war Unterricht nicht mehr machbar. Es war mein Glück, dass ich bis dahin eine so gute Schülerin gewesen war; so kamen mir die Lehrer entgegen, und ich konnte meinen Abschluss von zu Hause aus machen. Gleichzeitig wurde eine stationäre Aufnahme unmittelbar nach der Matura vereinbart.

In Ihrem Podcast wirken Sie durchaus "psychiatriekritisch" - wie haben Sie Ihre Zeit in der Psychiatrie erlebt?

Damals war das ein positives Erlebnis für mich. Ich hatte das Glück, einerseits ein Einzelzimmer zu bekommen, andererseits traf ich auf eine nette, junge Runde von Leuten, mit denen ich mich gut verstand. Es war angenehm, Zeit mit Menschen zu verbringen, die auch alle gerade eine psychische Krise durchlebten. Ich hatte mich mit meinen Zuständen bis dahin ja komplett allein und ehrlich gesagt oft auch sehr abnormal und komisch gefühlt. Ich trug damals fast immer Ohropax, um mich vor Geräuschen zu schützen, und ließ die Fensterläden meistens geschlossen. Allein das Spiel von Licht und Schatten war mir schon zu viel.

Wie deuten Sie Ihre damalige Überempfindlichkeit heute?

Anfang 20 bekam ich erste Flashbacks, die mich der Ursache meiner Befindlichkeit näher brachten. Bilder von Missbrauchserlebnissen tauchten auf, die ich bis dahin komplett verdrängt hatte. Ich wurde mir meiner massiven Traumabetroffenheit bewusst. Heute verstehe ich, dass mein Nervensystem davon komplett überreizt war. Wenn man Situationen erlebt hat, in denen man sehr ausgeliefert war, dann ist Kontrolle besonders wichtig. Die Essstörung und der Versuch, die Reize rund um mich zu kontrollieren, haben mir geholfen, ein Gefühl der Kontrolle zurückzubekommen. Rückblickend bedeutet das für mich, dass die Symptome, die ich erlebt habe, nicht "krank" waren. Wir neigen dazu zu denken, die psychische Erkrankung sei das Problem. In Wahrheit ist es anders: Symptome sind zumeist Überlebensstrategien. Wir müssen lernen, sie zu verstehen. Das gesellschaftlich vorherrschende Bild von psychischer Erkrankung finde ich daher sehr schädigend.

- © privat
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Was hat Ihnen geholfen, sich Ihre Geschichte anzusehen?

Ich habe langsam begonnen, alle Medikamente auszuschleichen - über ein Jahr hinweg. Das ist natürlich nichts, das man im Normalfall empfiehlt, wenn es jemandem schlecht geht; aber für mich war es der richtige Weg. Ich spürte, dass meine Gefühle zurückkamen. Und ich hatte dadurch auch wieder ein Ziel, durch das ich mich als selbstwirksam erlebte. Das Eigenartige ist ja, dass man zuerst so lange dafür kämpft, damit anerkannt wird, dass man nichts mehr leisten kann. Wenn das klappt, ist man total erleichtert. Doch irgendwann kommt ein Punkt, an dem das wieder kippt, und man spürt, dass man das eigene Leben wieder ein Stück weit in die eigene Hand nehmen könnte. Dummerweise traut einem dann keiner mehr etwas zu. Ich fand damals zum Glück eine neue Therapeutin, die nicht einsah, dass ich ein Leben lang "behindert" bleiben sollte.

Was unterschied diese Therapeutin von Ihrer früheren?

Sie war in der Therapie kein neutrales Gegenüber, sondern auch als Mensch präsent. Das hat eine ganz andere therapeutische Beziehung möglich gemacht. Ich habe mich dadurch ernst und wahrgenommen gefühlt. Das ist übrigens auch ein wichtiger Gedanke von Recovery, dass es manchmal nur einen Menschen braucht, der einen so nimmt, wie man ist, und wirklich daran glaubt, dass es besser werden kann. Mit dieser Therapeutin gelang es, mir nach einer Stabilisierungsphase den Missbrauch anzuschauen und dadurch auch wieder mehr das Steuerrad in meinem Leben zu übernehmen.

Ihr nächster großer Schritt war die Ausbildung zur Ergotherapeutin. Wie hat es sich angefühlt, nun auf einmal in der Rolle der Therapeutin zu sein?

Zu Beginn war es sehr aufregend, die Seiten zu wechseln. Im Studium habe ich es sehr genossen, nur mehr "Martha, die Ergotherapie-Studentin" zu sein. Davor war ich ja lange Zeit über "Martha, die mit der psychischen Erkrankung". Es war eine Erleichterung, das ein Stück weit hinter mir zu lassen. Natürlich hätte ich im Psychiatrieunterricht oft Dinge beizutragen gehabt. Ich wollte mich damals aber nicht mit meiner eigenen Erfahrung outen.

Heute sieht es anders aus: Sie engagieren sich in den verschiedensten Bereichen, treten für eine Veränderung des Psychiatriesystems auf. Was hat Sie dazu bewogen, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Nach meinem Studium habe ich drei Jahre beim Psychosozialen Dienst gearbeitet. Mit der Zeit wurde dabei immer deutlicher für mich, dass uns Geschichten von Leuten fehlen, die nach psychischen Herausforderungen wieder gut auf die Beine gekommen sind. Verständlicherweise reden Menschen, die psychische Erschütterungen erlebt haben und wieder gut in ihrem Alltag zurechtkommen, oft nicht mehr über die überstandenen Krisen. Man will sich nicht ständig mit den Vorurteilen, die einem diesbezüglich leider manchmal begegnen, auseinandersetzen. Unser Bild des Genesungspotenzials ist dadurch aber verfälscht, wodurch oft auch die Hoffnung fehlt - gerade bei schweren und chronischen Krankheitsverläufen. Das kam mir nicht richtig vor, und ich wollte meinen Beitrag dazu leisten, das zu verändern.

Sich mit seiner Psycho-Biographie zu zeigen, stelle ich mir als eine große Herausforderung vor. Momentan gibt es in Wien die Kampagne "darüber reden wir". Diese ist sicherlich gut gemeint, ich frage mich jedoch, ob es wirklich so zielführend ist, wenn Menschen mit Diagnosen, wie Angststörung oder Borderline, präsentiert werden. Würde es nicht viel entstigmatisierender wirken, wenn man anstatt über Diagnosen über Krisen spräche, die jedem Menschen widerfahren können.

Mir gefällt die Kampagne prinzipiell gut, weil sie Berührungsängste abbaut und normalisiert. Das ist schon sehr wichtig für mein Gefühl. Trotzdem bleibt die Kampagne damit aber natürlich in dem bestehenden, sehr stark medizinisch geprägten System und so ein Stück weit an der Oberfläche des Problems. Unser Diagnosesystem ist zum Beispiel etwas, das man kritisch betrachten muss. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass Diagnosen gerade im psychosozialen Bereich keine unveränderbaren medizinischen Größen, sondern eigentlich sozial konstruiert sind. In manchen Fachkreisen wird das durchaus kontrovers diskutiert, und es gibt viele Initiativen, die sich damit beschäftigen, wie weniger stigmatisierende Diagnose- und Klassifikationssysteme aussehen könnten, beispielsweise "A disorder 4 everyone". Dahinter steht der Versuch, eine traumainformierte Alternative zu finden.

"Traumawissen" ist eines der Schlagworte im Untertitel Ihres Podcasts - was ist Ihnen daran so besonders wichtig?

In meiner Ausbildung zur Ergotherapeutin war Trauma kein Thema. Das ist vermutlich bei ganz vielen Menschen so, die nicht in den letzten Jahren ihre Ausbildung gemacht haben, denn das Traumawissen ist relativ neu. Ich glaube aber, man kann viel besser mit psychischen Erkrankungen und Symptomen umgehen, wenn man versteht, dass diese nicht bedeuten, dass etwas an einem falsch ist, sondern dass eben ganz vieles auf Traumata beruht. Damit meine ich nicht unbedingt immer Schocktraumata, sondern eher den großen Bereich der Entwicklungs- oder Bindungsverletzungen. Wir haben oft das Bild, dass ein Trauma ein ganz schlimmes, überforderndes Ereignis gewesen sein muss. Aber auch wiederholte kleine soziale Verletzungen in sensiblen Phasen oder auch der Mangel an Beziehung und Stabilität in der Kindheit können im Nervensystem ähnliche Reaktionen auslösen. Es ist mir ein großes Anliegen, diese Zusammenhänge zwischen erlebten Belastungen und späteren Symptomen ein Stück verständlicher zu machen. Natürlich hat das auch mit meiner Geschichte zu tun: Ich glaube in der Tat, wenn ich in meiner Jugend Therapeuten gehabt hätte, die traumakompetent gewesen wären, hätte ich mir vieles ersparen können.

Kommen wir zum Schluss zum Hauptschwerpunkt Ihres Podcasts - jenem Konzept, das Sie offensichtlich so gefesselt hat, dass Sie damit als Erste an die Öffentlichkeit traten: Recovery.

"Recovery" bedeutet übersetzt so viel wie Genesung oder Wiederherstellung. Es geht dabei aber nicht darum, wieder so zu werden wie vor einer Krise, sondern das Wohlbefinden und die Lebensqualität wiederherzustellen. Im Recovery-Konzept ist eine Grundaussage, dass Genesung jederzeit möglich ist. Auch bei schweren und chronischen Verläufen macht es Sinn, die Hoffnung nicht aufzugeben. Genesung heißt dabei im Recovery-Sinn nicht zwangsläufig, dass man symptomfrei sein muss, sondern vielleicht hat man Strategien gelernt, wie man mit Symptomen umgehen kann, dass sie nicht mehr so belastend sind. Oder es gelingt, das eigene Leben anders zu gestalten, um sich darin wohler zu fühlen. Letztlich geht es um eine Verschiebung des Fokus von Symptomreduzierung auf mehr Lebensqualität. Außerdem ist es wichtig, nicht über einen Menschen mit psychischen Herausforderungen zu reden, sondern mit ihm. Dahinter steckt eine ganz andere innere Haltung als im aktuellen Psychiatrie-System, das ich bisher oft als relativ bevormundend erlebt habe.

Wie sähe ein Recovery-fokussiertes Psychiatriesystem aus?

Insgesamt finde ich, dass Psychiatrie durch eine Recovery-Orientierung menschlicher wird - und zwar für alle Beteiligten, nicht nur für die Klienten. Deshalb bin ich sehr hoffnungsvoll, dass sich das langfristig gesehen durchsetzen wird. Abgesehen davon, dass Recovery in anderen Ländern wie etwa Großbritannien bereits der staatlich vorgeschrieben Standard für die psychiatrische Versorgung ist, ist es schlicht und einfach ein logischer und sinnvoller Schritt für die Psychiatrie.