"Wiener Zeitung": Herr Bätzing, in Ihrem neuesten Buch, "Das Landleben", untersuchen Sie dessen Entwicklung von seinen Anfängen bis heute. Wie definieren Sie den Begriff?

Werner Bätzing: Unter "Land" oder "ländlichem Raum" verstehe ich ein Gebiet mit einer geringen Bevölkerungsdichte, konkret mit weniger als 150 Einwohner pro km2. Typisch sind die Mittelgebirge oder weitab von allen Großstädten in Österreich der Alpenraum und das Wald- und Mühlviertel. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahlen können die Wirtschaft und die Infrastrukturen nicht wie in der Stadt stark spezialisiert werden und zugleich sind die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt auf dem Land sehr deutlich spürbar, was in der Stadt nicht der Fall ist.

Welche Lebensform ziehen Sie persönlich vor?

Ich bin auf dem Land in Nordhessen aufgewachsen, zuerst in einem kleinen Dorf, dann in einer Kleinstadt. Nach dem Abitur habe ich aus beruflichen Gründen immer in Städten gelebt, kenne also beide Räume sehr gut. Und heute, wo ich als Professor emeritiert bin, lebe ich in Bamberg, weil ich weiterhin wissenschaftlich aktiv bin und deshalb eine Universität in direkter Nähe benötige.

In Ihrer historischen Betrachtung arbeiten Sie mehrere große Zäsuren für das Landleben heraus. Welche sind das?

Eigentlich gibt es nur wenige große Zäsuren: Um 10.000 v. Chr., mit Beginn der Sesshaftwerdung und Landwirtschaft, entstehen Landleben und ländliche Räume. Um 5000 v. Chr. entwickeln sich die Städte, die das Land schnell in ihre Abhängigkeit bringen; 1000 n. Chr. zeigt sich nur in Europa die Sonderentwicklung, dass Stadt und Land auf gleichberechtigte Weise aufblühen, und ab 1780 setzt sich die Industrielle Revolution durch, die das Land grundsätzlich entwertet. Allerdings dauert es dann noch bis in die 1960er Jahre, bis das Land nach den neuen Grundsätzen modernisiert, "verstädtert" wird.

Sie behaupten, eine Stadt ohne Land gibt es nicht. Warum ist diese vollkommene wirtschaftliche Abhängigkeit den wenigsten Menschen heutzutage bewusst?

Städtisches Leben bedeutet ein Leben, das in allen Bereichen durch hohe Spezialisierungen geprägt ist. Dabei konzentriert man sich automatisch auf immer kleinere Ausschnitte des Lebens, und die großen Zusammenhänge geraten dabei immer mehr aus dem Blick, vor allem solche Zusammenhänge, die für einen Städter selbstverständlich sind, wie etwa die Lebensmittelproduktion. Aber nicht nur im Bereich Lebensmittel ist die Stadt vom Land abhängig - dies gilt auch für die Gewinnung von Rohstoffen aller Art, von Energie, für die Versorgung mit sauberer Luft und sauberem Wasser und nicht zuletzt auch für die psychische Gesundheit: Der Mensch kann nicht ausschließlich in geschlossenen Räumen und in stark überbauten Räumen leben, das wäre "Käfighaltung", er braucht die Auseinandersetzung mit Natur und Landschaft.

Die industrialisierte Landwirtschaft greift weltweit mehr und mehr in das Ökosystem ein. Mit welchen Folgen?

Die Landwirtschaft war viele Jahrtausende lang darauf konzentriert, so zu wirtschaften, dass sie ihre eigenen Voraussetzungen nicht zerstört, nämlich dass die Böden dauerhaft fruchtbar bleiben und weder durch Erosion, Versalzung oder Übernutzung zerstört werden. Deshalb hat bäuerliches Denken immer auch die nachfolgenden Generationen mit einbezogen. Dies ändert sich erst ab den 1960er Jahren, als die Landwirtschaft durchgreifend modernisiert und an den Prinzipien eines Industriebetriebs ausgerichtet wird. Seitdem belastet die Landwirtschaft die Umwelt immer stärker: Aus der traditionellen kleinräumigen Kulturlandschaft werden monotone Agrarsteppen, die Artenvielfalt geht dramatisch zurück, die Böden werden verdichtet und erodieren; das Grundwasser wird immer stärker belastet, und die produzierten Lebensmittel enthalten immer mehr problematische Bestandteile - so kann diese Entwicklung nicht weitergehen.

Wir graben uns also den Boden unserer Existenz systematisch selbst ab. Wie können wir den Niedergang stoppen?

Es braucht erstens eine sehr deutliche Stärkung und Aufwertung der biologischen Landwirtschaft und der Regionalproduktion in umwelt- und sozialverträglichen Formen. Und es braucht zweitens den Umbau der agroindustriellen Landwirtschaft, deren technologische und ökologische Eingriffe gezielt reduziert werden müssen.

Sie beobachten dagegen eine anhaltende Entwertung des Landlebens. Wie äußert sich diese?

Die Entwertung zeigt sich darin, dass erstens immer mehr Wirtschaftsaktivitäten in den städtischen Räumen konzentriert werden und es auf dem Land immer weniger Arbeitsplätze gibt, und dass zweitens auch alle Infrastrukturen wie Einkaufen, Medizin, Ausbildung, Kultur und Verwaltung in der Stadt konzentriert und auf dem Land ausgedünnt werden. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen in städtischen Räumen leben: Vor der Industriellen Revolution lebten etwa 10 Prozent der Menschheit in der Stadt, seit gut zehn Jahren liegt dieser Wert über 50 Prozent, und er steigt immer weiter.

Diese Landflucht hält trotz der Wende zu einer nachhaltigen Regionalentwicklung in den 80er Jahren an. Was sind die Gründe?

Viele Staaten in Europa waren nach dem Zweiten Weltkrieg "Sozialstaaten", die sich aktiv dafür einsetzten, die Ungleichheiten zwischen Stadt und Land zu dämpfen. Seit 1989 wird dieser Sozialstaat überall abgebaut und die Politik wird durch neoliberale Konzepte geprägt, bei welchen der Markt die Dominanz besitzt. Und diese benachteiligen den ländlichen Raum, weil die kleinen und dezentralen ländlichen Strukturen im Wettbewerb mit den spezialisierten und großen städtischen Strukturen grundsätzlich benachteiligt sind.

Gleichzeitig wächst der Markt an Bio- und Regionalprodukten und das Landleben wird zum Symbol eines neuen, besseren Lebens. Wie erklären Sie diese Attraktivität?

Die extremen Spezialisierungen des städtischen Lebens machen viele Menschen boden- und orientierungslos. Das Landleben ist dagegen durch ein enges Miteinander der Menschen und durch eine enge Verflechtung der Bereiche Wirtschaft-Gesellschaft-Umwelt geprägt, was von den Bewohnern oft als positiv und bereichernd erlebt wird. Während der Einzelne in einer Großstadt leicht untergeht, besitzt er in einem Dorf, wo es nicht viele Menschen gibt, eine größere Bedeutung. Und wenn sich jemand aktiv ins Dorfleben einbringt, werden in der Regel seine persönlichen Eigenschaften und seine Qualifikationen sehr geschätzt.

"Die extremen Spezialisierungen des städtischen Lebens machen viele Menschen boden- und orientierungslos", meint Werner Bätzing. - © Jon Duschletta
"Die extremen Spezialisierungen des städtischen Lebens machen viele Menschen boden- und orientierungslos", meint Werner Bätzing. - © Jon Duschletta

Das Landleben spiegelt also gesellschaftliche Veränderungen. War das schon immer so?

Wenn sich das Wirtschaften und das Verhältnis der Menschen untereinander ändert, dann verändert sich auch immer das Verhältnis zwischen Stadt und Land. Nehmen Sie etwa die Industrielle Revolution: Die Entstehung der neuen Wirtschaftsform mit Fabrikarbeit und Massenproduktion führte zu schnell wachsenden Industriestädten und zur Entwertung des Landes. Beim Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verhält es sich umgekehrt. Das starke Wachstum der neuen, standortunabhängigeren Wirtschaftsformen wertet die "schöne" Landschaft als weichen Standortfaktor stark auf und führt dazu, dass ländliche Regionen in der Nähe der dynamischen Wirtschaftszentren für Freizeitzwecke überrannt werden.

Wie könnte die aktuelle Corona-Pandemie das Landleben beeinflussen?

Eigentlich zeigt die Corona-Pandemie, dass es sehr wichtig ist, dass neben der global vernetzten Wirtschaft auch eine regionale Wirtschaft existiert, die regionale Lebensmittel und andere Produkte für die benachbarten Städte herstellt und die eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den zahllosen Instabilitäten der global vernetzten Welt besitzt. Würde man das regionale Wirtschaften systematisch stärken, wären die einzelnen Staaten und die EU den globalen Wirtschaftskrisen, Pandemien, Terroranschlägen und Naturkatastrophen weniger stark ausgeliefert. Das Landleben könnte durch die Corona-Krise aufgewertet werden. Da ein solches Umdenken aber dem neoliberalen Denken widerspricht, ist zu befürchten, dass eine Pandemie nicht ausreicht, um das Land wieder aufzuwerten.

Das Land nimmt in Ihrer Betrachtung eine passive Rolle ein. Gibt es keine Kraft von innen?

In unserer heutigen Gesellschaft sitzen die führenden Personen von Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaften in den großen Städten und sind dem städtischen Denken verpflichtet. Erst seit den 1980er Jahren entstehen auf dem Land neue soziale Bewegungen, die die Gleichwertigkeit von Stadt und Land, die Bedeutung der Umwelt, ein selbstbestimmtes Wirtschaften und ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Menschen betonen. In diesem Rahmen entwickeln sich neue Persönlichkeiten, aber diese Menschen werden in den Städten oft nicht wirklich wahrgenommen, weil sie nicht in das Bild der Städter vom Landleben passen.

Wie kann das Landleben eine Zukunft haben?

Es braucht erstens einen großen Wandel in den Köpfen: Das Stereotyp eines bornierten oder eines idyllischen Landlebens muss ersetzt werden durch eine realitätsnähere Sichtweise, in der Stadt und Land gleichberechtigt nebeneinander stehen und in der nicht nur das Land die Stadt, sondern auch die Stadt das Land braucht. Zweitens läuft die Aufwertung des Landes nicht so sehr über Geld, sondern Kreativität und Phantasie sind die Schlüsselfaktoren, um lokale Ressourcen auf umweltverträgliche Weise neu zu nutzen, um dezentrale und multifunktionale Infrastrukturen aufzubauen und gleichberechtigte Formen des Zusammenlebens zu entwickeln, bei denen sich Solidarität und Individualität nicht wechselseitig ausschließen. Und drittens kann die Aufwertung des Landlebens nicht von oben verordnet oder geplant werden, sondern der Staat kann nur positive Rahmenbedingungen setzen - die zentralen Aktivitäten müssen von den betroffenen Menschen selbst ausgehen.